Reader Gewaltp NRW online

44 4 4/2010 Thema Alkoholkonsum und Jugendgewalt Wie ist die Situation? Was kann/sollte dagegen getan werden? 1 AG imAuftrag der IMK: „Eindämmung des Alkoholmiss- brauchs zur Gewaltprävention und konsequente Durchset- zung des Jugendschutz- und Gaststättengesetzes“ 2 So ist die entsprechende Zahl in Rheinland-Pfalz von 10,6 % im Jahr 2000 auf 23 % in 2008 gestiegen; in Bayern von 10,8 % (1996) auf 28,2 % (2008). In Brandenburg erhöhte sich derAnteil von Jugenddelikten, die unterAlkoholeinfluß begangen wurden, in den Jahren 2000 bis 2008 von 9,6% auf 20,1%, in Niedersachsen im gleichen Zeitraum von 16,7% auf 21% (siehe Die Welt v. 2.2.2010) 3 ZumVergleich: Die Zahl der erwachsenenTatverdächtigen unter Alkoholeinfluss hat sich im gleichen Zeitraum um 73,3% erhöht (2000 – 26 845; 2009 – 46 512). Siehe Poli- zeiliche Kriminalstatistik NRW www.lka.nrw.de I. Das Thema „Jugendliche und Alkohol“ steht seit einigen Jahren wieder stärker in der öffentlichen Diskussion. Die Gründe dafür sind Auswüchse des Alkoholkonsums wie Koma-/ Rauschtrinken, Krankenhauseinlieferungen nach exzessivem Alkoholkonsum und Gewalt unter Alkoholeinwirkung bei Jugendlichen. Besonders der Anstieg von Straftaten nach hohem Alkoholkonsum stellt eine besondere Herausforderung dar. Eine Arbeitsgruppe der Innenminister- konferenz stellte schon 2007 fest, dass die Polizei „in hohem Maße mit gewalttätigen Auseinandersetzungen konfrontiert ist, bei denen Alkohol eine erhebliche Rolle spielt“. Massiver Alkoholkonsum sei ein Katalysator für Gewalt (siehe Bericht vom 24.10.2007, S. 7, IM Baden-Württemberg). 1 Die Entwicklung wird von den offiziellen Polizeistatistiken bestätigt. Nach Angaben von elf der 16 Landeskriminalämter nahm der Anteil von Alkoholisierten unter den jugend- lichenTatverdächtigen bei Körperverletzungen und Gewalttaten in den vergangenen Jahren zu (Die Welt 2.2.2010). 2 Eine ähnliche Entwicklung ist auch in NRW zu beobachten. Hier lag der Anteil der unter 21-jährigen Tatverdächtigen unter Alkoholein- fluss im Jahr 2009 bei 28,1% gegenüber 20,6% im Jahre 2000. Das LKA NRW selbst spricht von einer „besorgniserregenden“ Entwicklung. Im Zehn-Jahres-Vergleich hat sich nämlich die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren, die zum Zeitpunkt der Tatbegehung unter Alkoho- leinfluss standen, mehr als verdoppelt (2000: 8.004; 2009: 18.157 + 127%). 3 Wichtig für besondere Maßnahmen unter dem Gesichtspunkt „Jugendschutz“ ist die Feststellung, dass 2009 fast Zweidrittel der alkoholisierten jungen Menschen Heranwach- sende waren (18- bis unter 21 Jahre): 11 598 (63,1%) gegenüber 6471 Jugendlichen (35,6%) und 88 Kindern (0,5%). Die meisten der unter 21-jährigen alkoholisierten Tatverdächtigen traten mit Körperverletzung (8371), Sachbe- schädigung (4786) und Diebstählen (3006) in Erscheinung. In den NRW-Kommunen wird das Problem Alkoholkonsum und delinquentes Verhalten generell bestätigt, wenn auch das Ausmaß unterschiedlich als belastend angesehen wird. Eine telefonische Umfrage der AJS bei 15 Jugendämtern im Sommer 2010 ergab ein Großstadt-/Kleinstadtgefälle: Je größer die Kommune desto mehr beklagen Mitarbeiter des Jugendschutzes eine Zunahme des Pro- blems von jugendlichen Tatverdächtigen unter Alkoholeinfluß. Bei den Recherchen fiel auf, dass es in den kontaktierten Kommunen offensichtlich weder ein Konzept noch eine längerfristige Strategie gibt. Es wird zwar das Phänomen der Steigerung von Delikten unter Alkoholeinfluss konstatiert (dem Phänomen treten die Städte im allgemeinen mit stärkeren Jugendschutzkon- trollen entgegen), eine besondere Maßnahme in Bezug auf alkoholisierte Jugendliche, die Straftaten begehen, wird in der Regel nicht ergriffen. Allerdings erfuhren wir, dass in zwei Kommunen (Köln und Dortmund) in der Ver- gangenheit Jugendliche, die im alkoholisierten Zustand Straftaten begangen hatten, aufgesucht worden sind, in Köln durch die Polizei, in Dort- mund durch spezielle ausgebildete „Scouts“ (Gefährderansprache). Die Mitarbeiter aus beiden Jugendämtern bedauern, dass die Maß- nahmen nicht fortgeführt worden sind. II. Zu klären ist auch und besonders die Frage, was die Gründe für die Steigerungsrate sind, um daraus Schlüsse für ein zielgerichtetes Handeln zu ziehen. Hat sich das Anzeigen- verhalten erhöht (wenn ja, warum)? Finden mehr Kontrollen als in früheren Jahren statt? Spiegeln sich in den Zahlen einmalige Taten und/oder Mehrfachtaten alkoholisierter Ju- gendlicher wider? Und dann steht da noch die Frage nach der Kausalität im Raum: Ist der Alkoholkonsum ein eigenständiger Einflussfaktor von Ge- waltverhalten oder handelt es sich um einen Selektionseffekt, nach dem bestimmte Personen mit bestimmten Risikofaktoren sowohl zum (übermäßigen) Alkoholkonsum als auch zu Gewalt neigen? Was diese Frage betrifft, so kann man sicherlich sagen, dass der exzessive Alko- holkonsum die Hemmschwelle zum Begehen ungesetzlicher Taten herabsetzt – die rationale und moralische Urteilsfähigkeit wird getrübt, und es kann dadurch zu unüberlegten, impul- siven Handlungen kommen (siehe Baier und Rabold in Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe – ZJJ 4/09). Die Autoren weisen daraufhin, dass „phar- makologisch betrachtet besonders beim Alkohol die Wirkung erhöhter Aggressivität, Enthemmung und Reizbarkeit belegt ist“ (ebenda). Andererseits ist Gewaltkriminalität auch häufig auf Bedingungsfaktoren zurück- zuführen, die den Persönlichkeitseigenschaften und damit eng verbunden der Herkunft aus bestimmten sozialen Milieus (gewaltbereit, alkoholkonsumierend) zuzurechnen ist. Zum Letztgenannten ist sicherlich das Elternhause zu zählen, in dem ein gering ausgeprägtes el- terliches Kontrollverhalten gegenüber Alkohol vorherrscht. Quelle: Büro der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Wie ist die Lage beim Rauschtrinken? Alkoholvergiftungen zwischen 10 und 20 Jahre (Einlieferungen ins Krankenhaus) 2008 2007 2000 Bundesweit 25.700 22.900 9.500 (Anstieg 2000 – 2008: 270%) NRW 5.800 5.200 (Anstieg 12%) Mädchen (10 – 15 Jahre) 570 460 (Anstieg 24%) AJS Forum 4-10.indd 4 20.12.10 16:39

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