Reader Gewaltp NRW online
61 61 Achtung von Intimsphäre Der Schutz von Intimsphäre und die Aus- einandersetzung mit der Art und Weise des körperbezogenen Umgangs in einer Institution bewirkt, dass sich Kinder und Jugendliche in ihren subjektiven Scham- grenzen geachtet fühlen und dass es Tä- terinnen und Täter schwerer haben, un- angemessene Berührungen einzuführen bzw. Situationen zu schaffen. Die Achtung von Intimsphäre heißt etwa, anzuklopfen und auf Antwort zu warten, bevor eine ge- schlossene Tür geöffnet wird. Leitung und Fachkräfte betreten Sanitäranlagen nicht, solange sich Kinder und Jugendliche darin aufhalten, es sei denn, es gibt diesbezüg- lich einen Anlass, der entsprechend trans- parent gemacht wird. Auf Ferienfreizei- ten sind geschlechtsspezifisch getrennte Schlafstätten angeraten, Betreuerinnen und Betreuer bleiben in der Regel außen vor. Daraus ergibt sich auch die Forderung nach getrennten Umkleiden und Duschen mit ausreichendem Sichtschutz. Im Kon- takt mit Kindern und Jugendlichen sollten Eins-zu-Eins-Situationen eher gemieden werden. Falls ein Vieraugengespräch den- noch nötig ist, sollte dies gegenüber Kol- leginnen und Kollegen, am besten im Vor- feld, transparent gemacht werden. Thematisierung von Grenzen In der pädagogischen Arbeit vereinfacht es das Handeln bei Grenzüberschreitungen und Übergriffen, wenn unter Leitung und Fachkräften die Grenzen des eigenen und kollegialen Handelns thematisiert und für den Umgang mit den Kindern und Ju- gendlichen entsprechende Verhaltens- regeln festgelegt wurden. Zudem sollte Grundlage jeglicher Arbeit mit Schutzbe- fohlenen sein, dass diese auch „nein“ sa- gen dürfen. Der Gedanke der Partizipation von Kindern und Jugendlichen sollte in jeder pädagogischen Einrichtung seinen Platz finden, damit diese lernen und be- stärkt werden, ihre eigenen individuellen Grenzen wahrzunehmen und auch nach außen, vor allem gegenüber erwachsenen Autoritätspersonen, zu vertreten und zu verteidigen. Präventive Maßnahmen schränken das Ri- siko möglicher Grenzverletzungen und se- xueller Übergriffe ein. Das bedeutet, dass unabhängig von der institutionellen Im- plementierung der Thematik auch die ei- genen Einstellungen reflektiert und gege- benenfalls überdacht werdenmüssen, um auffälligen Situationen in der täglichen Ar- beit entschlossen und selbstbewusst ent- gegen treten zu können. Nur durch die Aneignung von Grundlagenwis- sen einerseits und eine indivi- duelle Auseinandersetzung mit dem Thema andererseits, die sich am Ende in einer eindeu- tigen Positionierung zur The- matik niederschlagen sollte, kann ein va- ges und ungutes Gefühl im Bauch in der alltäglichen Arbeit mit Kindern und Ju- gendlichen erkannt und benannt werden. Erfahrungsgemäß ist es hilfreich, wenn Alltagssituationen aus dem Arbeitskon- text konkret miteinander diskutiert wer- den. Dies erleichtert bei einem möglichen Verdachtsfall das erforderliche professio- nelle Handeln. Sexueller Missbrauch in Institutionen Bauchgefühl einschätzen lernen 60 Jahre AJS Finale.indd 61 12.10.13 17:27 1 Grundlagen Strukturen Handlungsformen •60JahreKinder-undJugendschutzinNordrhein-Westfalen Jugendschutz Jugendschutz Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz LandesstelleNordrhein-Westfalen e.V. Grundlagen•Strukturen•Handlungsformen 1. Gewaltphänomene | Sexualisierte Gewalt
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