Reader Gewaltp NRW online
64 4/2002 Thema 4 Hat das Fernsehen einen Einfluß auf die Aggressionsbereitschaft jugendlicher Zuschauer? Die Frage ist so alt wie das Fernsehen selbst. Immer wieder hat es Untersuchungen gegeben, die sich aber vornehmlich auf Kinder konzentrierten. Im Frühjahr veröffentlichte in den USA die Zeitschrift „Science“ die Ergebnisse einer Langzeitstudie, deren Gegenstand Jugendliche und junge Erwachsene waren. Das Ergebnis kann so manchen nicht gefal- len: Die Autoren der Untersuchung sehen einen direkten Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des Fernsehkonsums und aggressiven Verhaltensweisen. (FK) Ist der Fernsehkonsum Schuld am Ausmaß der Gewalt? Eine amerikanische Langzeitstudie sieht einen direkten Zusammenhang, bietet aber keine endgültige Aufklärung über die Folgen der Television Nach der angeblich ersten Langzeit- studie über die Auswirkungen des Fern- sehkonsums auf aggressives Verhalten neigen Heranwachsende, die täglich mehr als eine Stunde Fernsehen, eher zur Ge- walt als die stärker TV-Abstinenten. Die Gründe für die Verbindung zwischen län- gerem Fernsehkonsum und zunehmender Aggressivität bleiben allerdings noch immer spekulativ. Und möglicherweise sind in Zeiten wie dieser friedliche Men- schen gar nicht mehr das Non-plus-Ultra, weswegen durchaus mehr Fernsehen angesagt sein könnte. Für die in der aktuellen Ausgabe von Science veröffentlichte Studie „Television Viewing and Aggressive Behavior During Adolescence and Adulthood“ von Wissen- schaftlern der Columbia University und des New York State Psychiatric Institute wurden über einem Zeitraum von 17 Jahren 707 meist weiße (91 Prozent) und katholische (54 Prozent) Kinder im Alter zwischen einem und zehn Jahren aus New York mehrmals (1975, 1983, 1985- 86 und 1991-93) auf ihrem Weg von der Kindheit ins Erwachsenenalter befragt. Zudem wurden ihre Mütter interviewt. Die Kinder teilte man nach Dauer ihres Fernsehkonsums in drei Gruppen: weni- ger als eine Stunde, zwischen einer und drei Stunden sowie mehr als drei Stunden tägliches Glotzen. Nach Jeffrey Johnson, dem Leiter der Wissenschaftlergruppe, gibt es in einer Stunde Fernsehen durchschnittlich drei bis fünf Szenen mit Gewalt während der abendlichen Hauptsendezeit, zu der Zeit, in der Kinder und Jugendliche vor der Kiste sitzen, würden sie aber 20 bis 25 solcher Szenen stündlich sehen. Der Fernsehkonsum würde nach die- sen Durchschnittswerten daher in etwa der Häufigkeit von Gewaltdarstellungen entsprechen, also nahe legen, daß nicht das Medium, sondern seine Inhalte die Gewalt seien.. Hinweise auf aggressives Verhalten er- gaben sich aus den Interviews, es wurden dazu aber auch andere Quellen wie Infor- mationen über Festnahmen oder Strafen herangezogen. Da die Wissenschaftler an den Langzeitwirkungen interessiert wa- ren, wurden diese Belege jeweils um das Alter von 16, 22 oder 30 Jahre gruppiert. So stellte sich heraus, dass Aggressivität nicht nur gefördert wird, wenn Kinder in frühem Alter medialen Gewaltdarstellun- gen ausgesetzt werden, sondern daß dies auch noch für ein höheres Alter gilt. Allerdings scheint es hier auch einen wichtigen Unterschied zwischen Mäd- chen und Jungen zu geben. Während die Verbindung zwischen der Höhe des Fern- sehkonsums und der Gewaltneigung bei Mädchen im frühen Erwachsenenalter am stärksten zu sein scheint, ist dies bei den Jungen in der Pubertät. Neigen Mädchen eher zu Raub und Gewaltandrohungen, so Jungen zu Beleidigungen und Raufereien, die auch zu Verletzungen führen. Ob das allerdings aktuell noch für die nachwach- sende Generation gültig ist, darf bezwei- felt werden, denn die letzte Erhebung bei den Mädchen in der Pubertät stammt aus dem Jahr 1983 – und da hat sich alleine schon im Fernsehprogramm viel verändert, geschweige denn in der Kultur. Fernsehen und einige soziale Faktoren = mehr Gewalt Um zumindest die Frage ein wenig zu klären, ob nun Fernsehen zu Aggression führt oder aggressive Menschen länger fernsehen, versuchten die Wissenschaft- ler herauszufinden, ob die Kinder, bei denen größere Aggressivität zu beob- achten war, später auch einen höheren Fernsehkonsum hatten. Das scheint nicht notwendig der Fall zu sein. Auch andere Gründe, die Aggressivität und höheren Fernsehkonsum fördern können wie Vernachlässigung, geringes Einkommen der Familie, geringe Bildung der Eltern (keinen High School Abschluss), eine riskante Wohnumgebung oder psychische Störungen in der Kindheit, hätten der festgestellten Verbindung zwischen der Länge des täglichen Fernsehkonsums und der damit ansteigenden Aggressivität nicht widersprochen. Gleichwohl waren auch diese Faktoren signifikant mit dem Fernsehkonsum im Alter von 14 Jahren und dem aggres- siven Verhalten zwischen 16 und 22 Jahren verknüpft. Um diese Faktoren mit zu berücksichtigen, wurde der Aggres- sivitätsgrad beispielsweise derjenigen, die vernachlässigt wurden, mit der Ge- waltneigung derjenigen verglichen, bei denen dies nicht der Fall war. War der Aggressivitätsgrad unterschiedlich, so versuchten die Wissenschaftler statistisch herauszubekommen, welcher Anteil auf den Fernsehkonsum und welcher auf den jeweiligen Faktor zurückgeführt werden kann. Hier werden Kritiker vermutlich vornehmlich ihren Angriffspunkt finden. Nachdem die sechs oben genannten Faktoren berücksichtigt worden waren, ergaben sich bei der Auswertung der Studie noch immer deutliche Unterschie- de. So haben sich nur 5,7 Prozent der Jugendlichen, deren Fernsehkonsum weniger als eine Stunde täglich betrug, später gewalttätig gegenüber anderen verhalten, während dies bei 22,5 Prozent derjenigen, die täglich zwischen einer und drei Stunden vor der Glotze saßen, The a
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