Reader Gewaltp NRW online

65 1. Gewaltphänomene | Gewalt in Medien 4/2002 5 und bei 28,8 Prozent von denen Fall war, die täglich mehr als drei Stunden vor dem Fernseher verbrachten. Das trifft auch noch für die Verbindung zwischen Fernsehkonsum und Aggressivität bei den 22-Jährigen zu, wenn auch in weit gerin- gerem Maße. Überdies sei Aggressivität nur eine von unterschiedlichen negati- ven Folgen übermäßigen Fernsehens. Ohne groß die Fantasie strapazieren zu müssen, ist natürlich eine andere Folge des übermäßigen Fernsehkonsums: die Verfettung. Huhn und Ei oder Statistik und Spekulation Nach den Ergebnissen liegt der Rat von Johnson für „verantwortungsvolle“ Eltern, der die Fernsehanstalten nicht sehr erfreuen dürfte, auf der Hand. Vor allem pubertierende Jugendliche (um die 14 Jahre) sollten möglichst weniger als eine Stunde vor dem Fernseher sitzen, da hier das größte Risiko zu beobachten ist. Das aber ist just die Zeit, in der selbst manchen verantwortungsvollen Eltern die Zügel für ihre Sprösslinge reißen, die sie in der Kindheit noch fest im Griff hatten. Unbeantwortet aber bleibt neben den sechs Faktoren, die berücksichtigt wur- den, woher bei manchen Jugendlichen die wachsende Faszination an den Fern- sehbildern oder die Flucht in die mediale Montage der Attraktionen rührt. Johnson glaubt wie viele andere, daß die Beobachtung von Gewalt im Fernse- hen zur Nachahmung führt, vornehmlich wenn die Gewalt in den Filmen noch be- lohnt wird. Ist man Gewalt real oder medial häufig ausgesetzt, so führt das nach ihm zu einer Desensibilisierung. Möglicher- weise ist, so eine weitere Vermutung, der Preis des ausgedehnten Fernsehkonsums auch der Verlust sozialen Verhaltens, wie man sich ohne Gewalt aus kritischen Situationen herausarbeiten kann. Für das Erlernen wäre einfach weniger Zeit vorhanden. Aber vielleicht kommt die Aggressi- on nicht aus den gesehenen Inhalten, sondern direkt aus der Tatsache, dem Medium ausgesetzt zu sein, das gleich- zeitig in Spannung versetzt und aufs Äußerte langweilt. Auch wenn man die Ergebnisse der Studie akzeptiert, bleibt hinreichend Platz für die Interpretation der Zusammenhänge. Unbeantwortet bleibt schließlich auch, ob die (interaktive) Computer- und Internetgeneration anders als die Fernsehgeneration ist oder durch tägliche Praktizierung von Brutalgewalt noch stärker der simplizistischen Lösung anhängt. Aber vielleicht sieht man das alles in Kriegszeiten, in denen Gewalt eine wich- tige Rolle spielt, auch ganz anders. Die Attraktivität einer gewalttätigen oder auch militärischen Lösung von Konflikten ist allerdings schon ein wenig älter das Fern- sehen, möglicherweise aber trägt es dazu bei, diesen Lösungsweg, der eben auch gut medial und Hollywood-mäßig darstell- bar ist, zu verfestigen. Und vielleicht sind es ja auch die realen Vorbilder, die vom Zusammenfassung / Zahlen Wer imAlter zwischen 16 und 20 Jahrem täglich nur eine Stunde fernsieht, reagiert imAlltagsleben kaum aggressiv (bei männ- lichen Teilnehmern der USA-Studie 8,9 Prozent der beteiligten, bei weiblichen 2,3 Prozent). Wer das Fernsehgerät hingegen täglich drei oder mehr Stunden eingeschal- tet hat, kommt in gesellschaftlich bedenli- che Bereiche: 45,2 Prozent der männlichen Teilnehmer und 12,7 Prozent der weiblichen zeigten im Verlauf der Studie aggressive Tendenzen. Die veröffentlichte Untersu- chung wurde von der Columbia Univerity und dem New York State Psychiatric In- stitute über einen Zeitraum von 17 Jahren durchgeführt. Teilnehmer für die Beobach- tung waren Angehörige von 707 Familien im Bundesstaat New York. Die Ergebnisse beziehen sich nicht nur auf den Konsum von TV-Sendungen mit gewalttätigen Inhalten, sondern auf den Fernsehkonsum schlecht- hin. Grundlage der Studie waren regelmäßi- ge Interviews mit den beiteiligten Familien, von den Heranwachsenden während des gesamten Beobachtungszeitraums selbst beantwortete Fragebogen und den Wissen- schaftlern zugänglich gemachteAkten über kriminelle Auffälligkeiten oder Straftaten der Beteiligten. Bei der Einzelbeurteilung wurden auch andere gesellschaftliche Faktoren, wie zum Beispiel soziale Verhält- nisse und Vernachlässigung im Kindesalter berücksichtigt. (Funkkorrespondenz 26.04.2002) Fernsehen und den anderen Medien nur bekannt gemacht werden, die blindwüti- ge Aktionen wie die des Amokschützen Richard Durn in Nanterres provozieren. Zumindest wären Medien nicht zwin- gend für die Vorstellung notwendig, den gewünschten eigenen Tod mit dem Tod möglichst vieler anderer Menschen zu verbinden. So brennt man sich durch ein surreales Finale in das Gedächtnis der Nachwelt ein. Das kann auch, wie die palästinensischen Selbstmordattentäter zeigen, zu einer Methode werden, die sich dauerhaft wie am Fließband praktizieren läßt. Das Leben – das eigene und das der Anderen – darf bloß nichts mehr wert sein. Dazu tragen die Medien sicher ein Stück bei, noch viel mehr aber vermutlich die Wirklichkeit auf dieser Erde. Florian Rötzer in Telepolis In trauter Viersamkeit vereint: „Die Fernsehfamilie“ von Gerhard Haderer aus dem Jahr 1990 aus: NRZ

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