Reader Gewaltp NRW online

66 4 1/2009 Thema Pädosexuelle im Netz Täter gehen dort hin, wo sie Kinder treffen - im Internet treffen sie alle Das Internet kann als eine Welt der unbe- grenzten Möglichkeiten beschrieben werden. Es birgt eine Vielzahl von Chancen, aber auch von Gefahren. Mitarbeiter/innen von Beratungsstel- len gegen sexuelle Gewalt, aber auch Lehrkräfte und Mitarbeiter/innen der Jugendhilfe werden zunehmend mit Formen sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen durch die „Neuen Medi- en“ konfrontiert. SexuelleVerwahrlosung, Kin- derpornographie, Date-Raping, Killergames, Cyberbullying, Handygewalt, Pädosexuelle in Chaträumen – dies sind nur einige Stichworte, die den „Tatort“ Internet beschreiben. Als wei- tere Gefahren des einzigen globalen Mediums ohne Grenzen sind folgende zu nennen: Glücks- spiel, politischer und religiöser Extremismus, Selbstmord-Foren mit Anschauungsmaterial, Gewalt- und Tierpornographie, Absprachen zum Kinderhandel, Suchtgefahr, Pro-Ana-Fo- ren*, Gewaltspiele und die Entstehung einer Parallelwelt. Aber ist das Internet wirklich so gefährlich? Worin liegt die Faszination dieses Mediums, insbesondere für Kinder und Jugendliche? Wo liegen die Gefahren und welche Möglichkeiten der Prävention kann es geben? Diesen Fragen soll im vorliegenden Artikel nachgegangen werden. Fast alle jugendlichen Mädchen und Jungen sind heutzutage im Besitz eines Handys und ha- ben einen Internetzugang, nicht selten in ihrem Zimmer. Schulen sind flächendeckend am Netz und schon Grundschüler machen ihre Hausauf- gaben mit Hilfe des Internets. Somit lernen sie schon früh, die unbegrenzten Möglichkeiten des World-Wide-Webs zu nutzen. 2008 ist jeder 5. Mensch online 1 . 63,7 % der deutschen Wohnbevölkerung über 14 Jahren, das sind 41,3 Millionen Menschen. Für das Jahr 2011 werden weltweit 2 Milliarden Inter- netnutzer/-innen erwartet. Die aktuelle JIM-Studie (2008), in der 1.208 Jugendliche im Alter von 12-19 Jahren telefonisch zu ihrer Mediennutzung befragt wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass 96 % der Haushalte, in denen Jugendliche in dieser Altersgruppe leben, online sind. 2 Bei Unter- haltungsmedien wie CD- und MP3-Player und Digitalkameras ist die Ausstattung ähnlich hoch. In zwei Drittel der Haushalte sind Spiel- konsolen zu finden. Chatten wird neben Musikhören und Down- loaden, Spielen, Recherchieren und Mailen als eine der Hauptbeschäftigungen von Jugendlichen genannt. „Chatten“, vom englischen Wort für „plaudern“ abgeleitet, bedeutet Kommunikation in Echtzeit mit einer oder mehreren Personen gleichzeitig. Als Motiv für das Chatten werden der Wunsch nach neuen Bekanntschaften, Kon- takten und Flirts genannt. Es drängt sich die Frage auf, ob bei dieser großen Mediennutzung, die Kommunikation zwischen Jugendlichen noch „real“ oder nur noch „virtuell“ stattfindet. In der JIM-Studie 2008 gaben 91 Prozent der Jugendlichen an, sich mindestens mehrmals pro Woche real von Angesicht zu Angesicht mit ihren Freunden zu treffen, die häufigsten medienvermittelten Kon- takte erfolgen per Festnetztelefon (72 %) und im Internet (71 %) über Instant Messenger, Chat oder über Online-Communities. Mit steigendem Alter nimmt die Relevanz von Handy und Internet für die Kommunikation und Organisation ihrer Community zu. 3 Die Faszination des Chattens Grundsätzlich sind zwei Formen des Chattens zu unterscheiden: der „klassische“ Webchat auf der einen und das so genannte Instant Messaging auf der anderen Seite. Während sich die Nutzer/- innen beim Webchat auf der Webseite des Chat- Anbieters in einemvirtuellenRaum („Chatroom“) treffen und ohne Weiteres frei Nachrichten austauschen können, wird beim Instant Mes- saging der Chat-Raum mit einer Software (dem sog. Chat-Client) individuell auf dem Rechner jedes Teilnehmers generiert. Das bedeutet, dass der einzelne Teilnehmer nur diejenigen Nutzer sehen kann, die er zuvor in seinem Chat-Client zugelassen hat. Für den Versand einer Nachricht von einem zum anderen Nutzer ist beim Instant Messaging immer erforderlich, dass derAbsender denBenutzernamen (häufig in Formeiner E-Mail- Adresse) des Adressaten kennt. Das Medium Internet und insbesondere Chaträume eröffnen Kindern und Jugendlichen eine Welt, in der sie sich selbst ihren eigenen Vorstellungen entspre- chend „frei“ präsentieren können. Mädchen und Jungen können eine neue Identität annehmen. Ge- schlecht,Alter, äußeres Erscheinungsbild, Hobbys, Vorlieben, persönliche Eigenschaften, Wohnort etc. können frei er- funden werden. Jede und jeder kann eine neue Pe r s ön l i c hke i t annehmen, eine Option, die auch vonTätern genutzt wird und sicher- lich als eine der größten Gefahren für Mädchen und Jungen genannt werden muss. * Pro-Ana: Pro Anorexie, Unterstützung zur Mager- sucht, exzessives Abnehmen, Hungern

RkJQdWJsaXNoZXIy MTQ0NDgz