Reader Gewaltp NRW online

67 5 1/2009 Die nicht vorhandene Hierarchie der Verant- wortung (User = Anbieter / Web 2.0), fehlende Rechtsharmonisierung, Anonymisierungs- und Verschlüsselungsmöglichkeiten werden von Pädosexuellen im Netz genutzt, um Kontakt zu Kindern und Jugendlichen aufzunehmen, Kinderpornografie zu verbreiten und sich mit dem Ziel des Missbrauchs zu verabreden. Pädosexuelle im Netz Pädosexuelle im Netz können in zwei Grup- pen unterteilt werden: in sogenannte Trader (59 %) und Traveller (22 %). Trader sammeln, verbreiten, erstellen Kinderpornografie und Traveller sind Personen, die Kinder online manipulieren (sog. Cyber Sex Offending ). Darüber hinaus gibt es Mischformen von beiden Typen. 4 Kinderpornografie wird sowohl kommerziell als auch privat hergestellt und vertrieben und geschieht in Europa polizeilicher Erkenntnis hauptsächlich im nahen sozialen Umfeld der Opfer. Es wird geschätzt, dass 90 % des ein- schlägigen Materials via Internet verbreitet wird. Stupperich, Petrova, Beetz und Osterheider (Universität Regensburg 2006) fanden in rund 400 von Polizei und Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Bildern 65 % Klein- oder Grundschulkinder und 2 % Säuglinge. In 40 % (!) der Bilder waren Jungen abge- bildet. Durch die ständige Existenz der Bilder kann Kinderpornografie als nicht endender Missbrauch bezeichnet werden. Cyber Sex Offending bedeutet virtuelles Ausspähen, Grooming und Cyber abuse z.B. „web cam attacks“. Die Opfer werden von den Tätern sexuell belästigt, aufgefordert, über se- xuelle Praktiken zu erzählen, aufgefordert, ih- nen beimMasturbieren zu zusehen, sich selber zu berühren, Nacktbilder von sich zu schicken, unverhofft mit pornografischen Bilder konfron- tiert und/oder zu Treffen überredet. Beim Chatten wählen Pädosexuelle genau die gleichen Strategien wie im echten Kon- takt von Mensch zu Mensch. Das heißt, sie hören zu, stellen sich als verständnisvolle Gesprächspartner dar, wissen um die Interessen der jeweiligen Altersgruppe. Ist erst Vertrauen entstanden, folgen Aufforderungen, Fotos zu schicken und es wird die Bereitschaft der Kinder und Jugendlichen getestet, sich auf sexuelle Themen einzulassen. Reagieren die Mädchen und Jungen positiv auf die Schmei- cheleien, werden sie nicht selten aufgefordert, sich vor derWebcam auszuziehen oder sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen. Auch das Versenden von Posing-Bildern, (kinder-)por- nografischen Bildern oder das Masturbieren vor der Kamera zählt zum typischen Täter- verhalten. Dieses planmäßige Vorgehen mit dem Ziel, das Vertrauen von Mädchen und Jungen zu gewinnen, sie in Abhängigkeit zu bringen und so die späteren Opfer für die Taten mitverantwortlich zu machen, nennt der niederländische Tätertherapeut Ruud Bullens „Grooming “. Die aktuelle JIM-Studie hat Jugendliche sowohl nach ihren Erfahrungen beim Chatten gefragt als auch nach persönlichen Kontakten mit Personen, die sie im Chat kennengelernt haben. Es bleibt zu fragen, ob die Jugendlichen die Fragen nach Kontaktaufnahme authentisch oder entsprechend den Sicherheitsregeln für das Chatten beantwortet haben. Eine Studie der Universität Hampshire fand heraus, dass nur ca. 20 % der Täter falsche Angaben über ihr Alter machten und sich die Jugendlichen mit den meist deutlich älteren Männern trafen, wissend, dass der Wunsch nach sexuellen Kontakten bestand. Die Gruppe der 13-16-Jährigen wurde in dieser Studie als besonders gefährdete Altersgruppe beschrie- ben. Sie fühlten sich emotional zu den Tätern hingezogen und fühlten sich nicht bedroht oder eingeschüchtert. 5 Was erleben Kinder und Jugendliche beim Chatten? Bei einer Onlineumfrage der Suchmaschine „Blinde Kuh“ berichteten 160 von 200 Kindern von sexueller Belästigung im Internet. Diese hohe Zahl macht betroffen. Dennoch sind Jugendliche die am stärksten gefährdete Nutz- 1. Gewaltphänomene | Gewalt in Medien

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