Reader Gewaltp NRW online

68 6 1/2009 Thema ergruppe. Besondere Risikofaktoren sind ihre Neugier, ihr Interesse an sexuellenThemen, der Konsum von Pornografie sowie Erfahrungen von sexueller Gewalt und Vernachlässigung. Aktuellere Untersuchungen von Finkelhor u.a. 6 ebenso wie Katzer u.a. legen nah, dass Mädchen und Jungen, die im realen Leben Gewalt erfahren haben, besonders gefährdet sind, diese auch in Chaträumen zu erleben. Dr. Catarina Katzer kam in ihrer Studie zur Chatgewalt zu dem Ergebnis, dass von 1.700 Kindern und Jugendlichen imAlter von 10-19 Jahren jedes zweite Mädchen und jeder vierte Junge gegen denWillen nach sexuellen Dingen gefragt, sexuell angemacht oder zu sexuellen Handlungen vor der Webcam aufgefordert wurden. 7 Bei den Ergebnissen der Studie ist zu berücksichtigen, dass die Jugendlichen möglicherweise die von ihnen erwarteten Ant- worten gegeben haben. In Zahlen bedeutet das, dass 38,2% der 1700 Jugendlichen ungewollt sexuell angesprochen wurden, 25,9% wurden nach ihrem körperlichen Aussehen und 26,3% nach eigenen sexuellen Erfahrungen gefragt. 11% von ihnen haben unaufgefordert Nackt- fotos geschickt bekommen und immerhin 8,3 % wurden zu sexuellen Handlungen vor der Webcam aufgefordert. Mädchen sind deutlich stärker gefährdet, Opfer sexueller Gewalt in Chaträumen zu werden. Ein erschreckendes Ergebnis dieser Studie über sexuelle Gewalt in Chaträumen ist, dass nur ca. 9% der Opfer mit ihren Eltern darüber reden. 8 Mit Blick auf jugendliche Mädchen und Jungen ist klar festzustellen, dass gängige Präventionsstrategien wie „keine Treffen mit Fremden, keineWeitergabe persönlicher Daten, Vorsicht vor Täuschung, Benachrichtigung der Eltern bei Gefahr u.a.“ nicht geeignet sind, vor sexueller Gewalt in Chaträumen und bei Treffen nach Kontaktaufnahme im Chat zu schützen. Dort, wo die Kontakte über das Internet an- gebahnt wurden und Chatprotokolle, Fotos oder Filme das Verhalten der Opfer dokumentieren, werden die ohnehin vorhandenen Scham- und Schuldgefühle massiv verstärkt. Ein Phänomen, das schon von den Opfern von Kinderpornogra- fie bekannt ist. Die dort dokumentierte sexuelle Gewalt kann als ein lebenslanger Missbrauch beschrieben werden. Eltern und anderen Erziehungsverantwort- lichen kommt eine besondere Verantwortung für den Schutz von Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt in den neuen Medien zu. Wie kann Prävention sexualisierter Gewalt im Internet aussehen? Die Grundhaltung der Prävention „Erwach- sene tragen die Verantwortung für den Schutz vonMädchen und Jungen vor sexueller Gewalt“ ist auch auf die neuen Medien zu übertragen. Prävention bedeutet Sprachlosigkeit zu über- winden, hier heißt es konkret: Information, Vertrauen, Gespräche und Medienkompetenz. Medienkompetenz richtet sich an die Erzie- hungsverantwortlichen von Mädchen und Jungen. Sie beinhaltet Informationen über tech- nische Gefahren, Begleitumstände wie Dialer u. a., inhaltliche Gefahren und die Gefahren der Online-Kommunikation. Medienkompetenz bedeutet aber auch im Gespräch zu sein mit Kindern und Jugendlichen, Interesse an ihrem Leben zu zeigen und sich als Gegenüber für Probleme anzubieten. Ziel ist ein verantwortungsbewusster Um- gang mit den Neuen Medien und der Schutz vor sexueller Gewalt und jeglicher Form von Mobbing. Carmen Kerger Diplom-Pädagogin bei Dunkelziffer e. V. Kontakt Dunkelziffer e.V. • Carmen Kerger Oberstraße 14b • 20144 Hamburg Telefon: 040 / 4 21 07 00 - 11 c.kerger@dunkelziffer.de www.dunkelziffer.de Materialempfehlung ● Löwenstark im Internet. Folder Dunkelziffer e.V. ● Ein Netz für Kinder Surfen ohne Risiko? Ein praktischer Leitfaden für Eltern und Pädagogen. Bundesministerium für Familie, Senio ren, Frauen und Jugend ● Sicher Surfen Sicherheitsregeln für Kinder im Internet AJS Landesstelle NRW. Für Multiplikatoren: ● Im Netz der neuen Medien Eine gemeinsame Handreichung der Kultusministerkonferenz, Jugend und Familienministerkonferenz und der Pol- zeilichen Kriminalprävention, Januar 2008 ● Knowhow für junge User. Mehr Sicherheit im Umgang mit dem World Wide Web Materialien für den Unterricht klicksafe 2008 ● Mit einem Klick zum nächsten Kick Hrsg.: Innocence in Danger, Bundesverein z. Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V. Für Kinder und Jugendliche: ● Im Chat war er noch so süß Annette Weber Verlag an der Ruhr 2006 ● Blinde Freundschaft Birgit Blobel Arena 2007 ● Riskanter Chat Caja Cazemir, Klopp Verlag 2008 Linkempfehlungen: ● http://www.klicksafe.de ● http://www.security4kids.ch ● http://www.chatten-ohne-risiko.net ● http://www.jugendschutz.net ● http://www.chatdanger.com Literaturliste bei www.ajs.nrw.de 1 Quellle: http://www.bitkom.org/46074_46069.aspx 2 Die komplette Studie zum Download unter http://www.mpfs.de 3 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest JIM-Studie 2008 Seite15 4 Unveröffentlichter Vortrag Dr. Alexandra Stupperich, Straubing 2008 5 Weitere Informationen http://www.unh.edu/ccrc/nati onal_juvenile_online_victimization.html 6 http://www.apa.org/journals/releases/amp632111.pdf 7 www.chatgewalt.de 8 Dr. Catarina Katzer „Tatort Chatroom“ in „Mit einem Klick zum nächsten Kick“ Mebes&Noack 2007

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