Reader Gewaltp NRW online
72 6 Julia von Weiler Diplom Psychologin, Geschäftsführerin Innocence in Danger e.V. Sexualisierte Gewalt im Internet Präventionsmodellprojekt SMART USER Von 2004 bis 2007 führten wir eine von Aktion Mensch geförderte Studie durch, die dieVersorgung von kindlichen Opfern von Kin- derpornografie in Deutschland untersuchte. Sie ist die erste dieser Art und wurde national und international mit großem Interesse aufgenom- men. Die Ergebnisse der Studie stehen auf www. innocenceindanger.de zum Download bereit. In diesem Rahmen stießen wir dann auch auf die sexualisierte Gewalt, die Kinder und Jugendliche im Internet erleben, als auch darauf, wie mittlerweile das Handy eingesetzt wird, um Gewalt zu dokumentieren und – auch im Internet - zu verbreiten. Hieraus entstand das Buch: „Mit einem Klick zum nächsten Kick. Aggression und sexuelle Gewalt im Cyberspace.“ 1 Es ist eine Textsammlung, die einen guten Überblick über die bisherigen Ansätze der Prävention bietet. Kinderpornographie: Zahlen, Daten Fakten... Kinderpornographisches Material ist die filmische oder fotografische Dokumentation eines real stattfindenden (oder real stattgefundenen) sexuellen Missbrauchs an einem Kind/ Jugendlichen! Die Polizeiliche Kriminal- statistik verzeichnet seit Jahren einen konstanten Anstieg beim Besitz, der Beschaffung und Verbreitung von Kinderpor- nografie (2007: 11.357 Fälle; Steigerung um 55 Prozent gegenüber 2006: 7.318 Fälle). Bei der Besitzverschaffung von Kinderpornografie durch das Internet war von 2006 auf 2007 sogar ein Zuwachs von 111 Prozent festzustellen (von 3.271 auf 6.206 Fälle). ● Die Bilder im Internet zeigen zunehmend Gewaltausübungen gegen Kleinkinder oder sogar Kleinstkinder, die schwer missbraucht und misshandelt werden. ● Dabei ist insgesamt eine Tendenz zu immer jüngeren Opfern zu erkennen. ● Bereits 1999 gab es nach Expertenschät- zungen etwa 50.000 ständige Konsumenten von Pornografie an Kindern 2 . Inwieweit diese Zahl angesichts des viel leichter zu- gänglichen Materials inzwischen gestiegen ist, bleibt offen. ● 1998 wurden in einer US Datenbank 100.000 kinderpornographische Abbildungen regis- triert. Ende 2008 war diese Zahl bereits auf 15 Millionen gestiegen. 3 ● Konsumenten von kinderpornographischem Material leben in aller Regel in Beziehun- gen, sind berufstätig, verfügen über einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotien- ten sowie eine Universitätsausbildung und sind nicht vorbestraft 4 . ● Weltweit, so Experten, sind zwischen 50.000 und 100.000 Pädophile in Pornogra- phie-Ringen organisiert, wobei ca. 1/3 die- ser Ringe aus den U.S.A. operiert werden 5 . Die Diskussion um Access-blocking Da es aufgrund der nicht einheitlichen Gesetzeslage bisher unmöglich ist, kinder- pornographisches Material auf weltweit jedem hostenden Ser- ver zu löschen, hat das BKA gemeinsam mit Innocence in Danger e.V. und Dunkelziffer e.V. bereits im August 2008 die gesetzliche Verankerung des so genannten Access-blocking gefordert. Gemeint ist die tech- nische Sperrung bekannt gewor- dener Seiten mit illegalem Inhalt (z. B. kinderpornographische Ausbeutung), um die Verbrei- tung und Besitzverschaffung von Kinderpornografie zu erschwe- ren. Am 18. Juni 2009 wurde das so genannte „Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornogra- fie in Kommunikationsnetzen“ beschlossen. Solche Maßnahmen werden, teils schon seit Jahren, in Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland, Italien, der Schweiz, Neuseeland, Großbritannien, Südkorea, Kanada und Taiwan durchgeführt. In Norwegen werden durchAccess-blocking täglich ca. 15.000 Zugriffsversuche auf kin- derpornographische Webseiten abgewehrt. Immer wieder wird diskutiert inwieweit kinderpornographisches Material auch als „Einstieg“ in so genannte Kontakt-Verbrechen dient, ob eben irgendwann das bloße Ansehen solche Seiten nicht mehr ausreicht und (Sexu- alstraf-)Taten folgen, um den Reiz zu erhöhen. „Sexualisierte Gewalt“ bzw. „Gewalt“ im Internet und in den neuen Medien bedeutet im Grun- de die Fortschreibung der „sexuellen Gewalt“ bzw. „Gewalt“ schlechthin. Das bedeutet, auch über diese Medien finden sexuelle Grenzüber- schreitungen statt: ● Sexualisierte Gewalt während des Besuchs von Chaträumen oder Foren. ● Sexualisierte Gewalt, die im Chat durch Erwachsene angebahnt wird. ● Unangemessene sexuelle Begegnungen zwischen Jugendlichen, die im Internet verabredet werden und die mittels der Neuen Medien verbreitet wird. Eine Studie von Catarina Katzer und Detlef Fetchenhauer 6 fand heraus, dass 38,2 Prozent der Chatter ungewollt sexuell angesprochen wurden. 25,9 Prozent wurden unaufgefordert nach ihrem körperlichenAussehen gefragt, 26,3 Prozent nach eigenen sexuellen Erfahrungen gefragt, 24 Prozent bekamen unaufgefordert von sexuellen Erfahrungen anderer erzählt, 11 Prozent erhielten unaufgefordert Nacktfotos, 4,6 Prozent erhielten Pornofilme zugesandt und 8,3 Prozent wurden vor der Webcam zu sexuellen Handlungen aufgefordert. Dabei zeigte sich auch, dass Mädchen häu- figer ungewollt sexuell angemacht oder vor der Webcam zu sexuellen Handlungen aufgefordert werden als Jungen. Gleichzeitig berichten häu- figer Jungen, Fotos mit nackten Personen oder Pornos zugeschickt zu bekommen. Die Gruppe der Opfer gab häufiger an, „Spaß an sexuellen Themen im Chat“ zu haben und hatte auch häufiger einen sexuell gefärbten Nicknamen, als die Gruppe derjenigen, die keine Opfer von sexualisierterAnmache waren. Demnach gibt es Mädchen und Jungen, die ohne eigenes Risikoverhalten viktimisiert werden und risikofreudige Jugendliche, die z.B. besonders häufig Erwachsenenchats aufsuchen oder sich eine Identität zulegen, die sie bewusst älter und interessanter macht. Was empfinden die betroffenen Jugendli- chen? 54,5 Prozent empfinden es als unange- nehm, 40 Prozent sind wütend, 17,3 Prozent sind frustriert, 14,9 Prozent sind verängstigt, 11,3 Prozent sind niedergeschlagen und 14,4 Prozent fühlen sich verletzt. Wie wehren sich die Jugendlichen? Sie setzen denjenigen auf die „Ignore - Liste“ oder sie klicken die Person weg oder sie verlassen den Chat. Nur wenige Betroffene sprechen mit Erwachsenen darüber, obwohl es die meisten negativ berührt. Katzer fand in ihrer Studie, dass nur 8 Prozent der betroffenen Jugendli- ELTERN MEDIEN JUGENDSCHUTZ FORUM 2/2009 AJS Forum 2-2009FS.indd 6 24.08.09 10:37
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