Reader Gewaltp NRW online

73 7 chen Erwachsenen von diesen unangenehmen Erfahrungen berichteten. Viele dieser Verhaltensweisen rühren si- cher daher, dass es so leicht möglich ist, sich im Internet eine „eigens kreierte“ Identität zuzulegen. Sich stärker, schöner, klüger dar- zustellen – vielleicht um hinter dieser Maske über Schwächen zu reden oder auch um hinter dieser Maske andere zu demütigen. Täterstrategien bei sexualisierter Gewalt im Netz JanisWolak, David Finkelhor und Kimberly Mitchell 7 untersuchten 2001/2002 insgesamt 129 verurteilte Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von jugendlichen Opfern, die über das Internet angebahnt wurden. Von den Opfern waren 76 Prozent 13 - 15 Jahre alt, 22 Prozent 17 Jahre alt und 75 Pro- zent Mädchen. Der erste Kontakt fand im Chat statt und zwar in Chats, die extra für Teens geöffnet oder regional bezogen oder thematisch als „roman- tisch“ oder „schwul“ betitelt waren. Die Täter waren älter als 25 Jahre und gaben sich auch als Erwachsene zu erkennen. Sie nahmen sich Zeit, umKontakt aufzubauen – sie telefonierten, sandten Bilder und Geschenke und, ganz wichtig, sie logen nicht bzgl. ihrer sexuellen Interessen. Die Männer brachten das Thema Sexualität aktiv zur Sprache und manche lockten mit Cas- tingAngeboten. Alle machten falsche Verspre- chungen über Liebe und Romantik und einige logen bzgl. ihres familiären und beruflichen Status. 50 Prozent der Täter lebte im Umkreis von 50 Km. 40 Prozent verabreichten Alkohol oder Drogen bei den Treffen. 23 Prozent kon- frontierten die Opfer mit Pornographie, darun- ter auch Kinderpornographie und 23 Prozent fotografierten ihre Opfer in sexuellen Posen. Fazit der Forscher: Gefährdet sind: ● Mädchen, die eine konflikthafte Bezie- hung zu ihren Eltern haben oder zu sehr alleine gelassen werden. ● Jungen, die sich über ihre sexuelle Identi- tät nicht im Klaren sind und sich aus diesem Grund in Erwachsenen – Chats zumThema Sex und auch Homosexualität bewegen. ● Depressive und einsame Mädchen und Jungen. Die Täter wiederum gehören nicht zu den Pädophilen, sind also nicht fixiert auf den kind- lichen Körper. Sie gehören auch nicht zu „den Fremden“, denn sie bauen eine Beziehung auf. Sie manipulieren ihre Opfer und nutzen deren Bedürfnisse und deren natürliches Interesse an sexuellenThemen aus. Die Täter verheimlichen weder ihre Interessen noch ihren erwachsenen Status, sie machen sich höchstens „ein bisschen jünger“ und sie wenden bis auf wenigeAusnah- men keine Gewalt oder Zwang an. Insgesamt wird deutlich, dass Täter ihr „Jagdrevier“ durch das Internet erweitern und sonst die gleichen Strategien anwenden, wie „im richtigen Leben“. Dies bedeutet, dass die präventive Arbeit auf der gleichen Grundlage aufbauen kann, die bereits aus der Arbeit zum Thema „sexueller Missbrauch“ bekannt sind. Außerdem muss anerkannt werden, dass es sich bei den Opfern auch um junge Menschen handelt, die eine sexuelle Beziehung mit einem deutlich älteren Erwachsenen eingehen wollen, den sie vorher online kennen lernten. Präventionsmodellprojekt – SMART USER In der Auseinandersetzung um all diese Themen hat Innocence in Danger e.V. ein Prä- ventionsmodellprojekt entwickelt, das Dank der erneuten Förderung durch Aktion Mensch und der weiteren Unterstützung der Auerbach- Stiftung von 2008 bis 2010 durchgeführt wird. Idee ist, gemeinsam mit Jugendlichen ein Projekt zu erarbeiten, in dem sowohl für das Internet als auch das Handy und den iPod Präventionsstrategien entwickelt werden, die dann im Idealfall auch von den Jugendlichen selbst umgesetzt werden können. Dabei ist es uns vor allem ein Anliegen, direkt mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, durch- aus auch ‚Bloggen’ als Kommunikationsmittel zu nutzen, aber vor allem den persönlichen Kontakt herzustellen und so von ihnen über ihren Umgang mit Internet, Handy und iPod zu lernen, ihre Strategien kennen zu lernen und sie zu ermuntern, sich auch kritisch damit auseinanderzusetzen. Ziel soll sein, sie dazu zu gewinnen, eine Gegenstrategie zur Verbreitung von (sexualisierter) Gewalt zu entwickeln, die sowohl für das Internet aber auch für Handy und iPod Anwendung finden soll. Gleichzeitig sollen aber auch positive, kreative Ideen zum Umgang mit diesen neuen Medien gefördert werden – zum Beispiel durch die Erstellung von Kurzfilmen, Musikvideos, Photographien etc. Um möglichst Jugendliche mit verschie- denen Hintergründen zu erreichen, wurde der Kontakt über weiterführende Schulen hergestellt, die über ein Internetangebot ver- fügten: Ein Kölner Gymnasium, eine Kölner Hauptschule und die Düsseldorfer Förder- schule für Kommunikation und Hören. So soll auch überprüft werden, ob das Internet als Medium hier möglicherweise Barrieren im Umgang der Jugendlichen untereinander auflösen oder wenigstens aufweichen kann. Des Weiteren werden parallel Workshops für Lehrer(innen) und Eltern angeboten, um ihnen das Thema näher zu bringen und auch mit ihnen flankierende Präventionsme- chanismen oder -maßnahmen zu erarbeiten. Die Ergebnisse sollen in der zweiten Hälfte 2010 veröffentlicht werden. Über den Fortgang des Projekts informier t www.innocenceindan- ger.de oder aber www.smart-user.eu . n 1 Innocence in Danger Deutsche Sektion e.V. & Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V. (Hrsg.) Mit einem Klick zum nächsten Kick. Aggression und sexuelle Gewalt im Cyberspace Köln 2007 2 Gallwitz, A., Paulus, M., 1999, „Die Kinder-Sex-Mafia in Deutschland“, Ullstein Taschenbuch, S. 19 3 Innocence in Danger Deutsche Sektion e.V. & Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V. (Hrsg.) Mit einem Klick zum nächsten Kick. Aggression und sexuelle Gewalt im Cyberspace Köln 2007 4 Blundele et al, 2002, „Child Pornography and the Internet: Accessibility and Plicing“, Australian Police Journal 56(1): 59-65 5 Jenkins, P. 2001. Beyond Tolerance: Child Pornography on the Internet. New York: New York University Press 6 Aggression, Gewalt und sexuelle Belästigung in Chatrooms. Eine Untersuchung der Chat-Kommunikation Jugendlicher im Alter zwischen 10 und 19 Jahren. Catarina Katzer, Institut für Wirtschafts- und Sozialpsychologie, Köln 2005 7 JanisWolak, David Finkelhor, Kimberly Mitchell: Internet-initiated sex Crimes against Minors: Implications for Prevention Based on Findings from a National Study. 2003 Kontakt: Innocence in Danger Grolmannstr. 59, 50825 Köln, Tel. 0221/58 98 78 6 www.innocenceindanger.de FORUM 2/2009 Innocence in Danger Sektion Deutschland e. V./Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e. V. (Hrsg.): Mit einem Klick zum nächsten Kick. Aggression und sexuelle Gewalt im Cyberspace. Verlag mebes & noack, Köln 2007 AJS Forum 2-2009FS.indd 7 24.08.09 10:37 1. Gewaltphänomene | Gewalt in Medien

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