Reader Gewaltp NRW online

75 73 hörigen der sozial niedrigen Klassen und auch aus Kindern und Jugendlichen be- stand, schauten viele Pädagogen und auch die Kirche mit Sorge auf diese Ent- wicklung und postulierten eine volks- und jugendverderbende Wirkung des Films. Die aufkommenden öffentlichen Medien wurden von vielen Pädagogen und der Kir- che als Konkurrenz angesehen, da sie ihr Erziehungs- und Bildungsmonopol durch den Medieneinfluss bedroht sahen. Das immer vielfältiger werdende Angebot der Massenmedien wurde in „Gutes“, „Wert- volles“ und „Schlechtes“, „Nutzloses“ un- terteilt. Ersteres wurde dem Zögling emp- fohlen, Letzteres wenn möglich von ihm ferngehalten. 3 Diese Diskussion kumulierte in der ersten Jugendschutzgesetzgebung Anfang der 1930er Jahre. Während des Nationalsozialismus wurden Kinofilme dann als Instrumente zur Volks- beherrschung eingesetzt. Auch das da- mals relativ junge Medium Radio wurde genutzt, um politische Parolen über die Volksempfänger in die Haushalte zu sen- den. Dabei gab es gerade beim Radio schon früh Ansätze von Partizipation der Bürger. Ein halbes Jahr nach der offizi- ellen Einführung des Hörfunks in Deutsch- land am 23. Oktober 1923 wurde der Ar- beiter-Radio-Klub-Deutschland e.V. (ARK) gegründet, der laut Satzung das Radio in den Dienst der kulturellen Bestrebungen der Arbeiter stellen und auf die Radio- gesetzgebung, die Sender und ihre Pro- gramme einwirken wollte. Auch Bertolt Brecht war Ende der 1920er Jahre für den Rundfunk tätig und forderte in seiner Radi- otheorie: „Der Rundfunk ist aus einemDis- tributionsapparat in einen Kommunikati- onsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommuni- kationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu emp- fangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen“. 4 Im Rückblick war Brecht mit seinen Forderungen der Zeit weit voraus, denn mit den Möglichkeiten der Bürgermedien, die sich seit den 1970er Jahren und vor allem in den 1980er Jah- ren in Deutschland entwickelt haben – und vor allemüber die Entwicklung des In- ternets zum Mitmachnetz Web 2.0 –, sind seine Forderungen in Teilen Wirklichkeit geworden. Schund und Schmutz im TV Mit dem Aufkommen des Fernsehens inden1950erund 1960er Jahren etablierte sich in Deutschland eine soge- nannte „Bewahrpädagogik“, angeführt vom Ehepaar Mar- tin und Margarete Keilhacker, die Filmwirkungen auch psy- chologisch untersuchten und 1 Kübler, Hans-Dieter (1995): Medienpädagogik. In: Bienemann, Georg /Hasebrink, Marianne/ Nikles, Bruno W. (Hrsg.): Handbuch des Kinder- und Jugendschutzes. Votum, Münster, S. 257. 2 Baacke, Dieter (1995): Die Medien. In: Lenzen, Dieter (Hrsg.): Erziehungs- wissenschaft – Ein Grundkurs. Rohwolt, Reinbek bei Hamburg, S. 326 ff. 3 Ebd. 4 Brecht, Bertolt: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks (1932). In: Engell, Lorenz / Fahle, Oliver/Neit- zel, Britta/Pias, Claus / Vogl, Joseph (1999): Kursbuch Medienkultur – Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. DVA, Stuttgart, S. 260. 60 Jahre AJS Finale.indd 73 12.10.13 17:27 1 Grundlagen Strukturen Handlungsformen •60JahreKinder-undJugendschutzinNordrhein-Westfalen Jugendschutz Jugendschutz Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz LandesstelleNordrhein-Westfalen e.V. Grundlagen•Strukturen•Handlungsformen 1. Gewaltphänomene | Gewalt in Medien

RkJQdWJsaXNoZXIy MTQ0NDgz