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90 1/2005 4 Mobbing unter Kindern und Jugendlichen Ein Überblick über das Phänomen und Hinweise zum Umgang mit Mobbing Von Carmen Trenz In fast allen Kindergruppen und Schulklas- sen gibt es Mädchen und Jungen, die von an- deren Kindern, von Mitschülern und Mitschü- lerinnen gehänselt, bedroht, gedemütigt, ge- schlagen oder sonst misshandelt werden. Wird ein Kind über einen längeren Zeitraum syste- matisch schikaniert - ohne dass es sich selber helfen kann - so ist das „Mobbing“ oder „Bul- lying“. Gleich ob körperlich oder seelisch verletzt wird, Mobbing tut weh und die Opfer leiden sehr darunter. Jeder Kindergarten, Hort, jede Schule, Sport- oder Jugendgruppe muss sich der Tatsache stel- len, dass Mobbing vorkommt. Mobbing ist eine Form der Gewalt und darf auf keinen Fall baga- tellisiert werden. Da die meisten betroffenen Kinder oder Jugendlichen ausAngst und Scham- gefühlen niemandem von ihren Qualen erzäh- len, ist es umso wichtiger, dass die Erwachse- nen besonders aufmerksam sind und aktiv wer- den, wenn ein Kind gemobbt wird. Die Opfer vonMobbing brauchen Hilfe und Unterstützung. DieTäterinnen undTäter müssen in ihre Schran- ken gewiesen werden und die Klassenkamera- den oder Gruppenmitglieder, die die Schikanen beobachten, müssen zum Eingreifen ermutigt werden. Gefordert ist Zivilcourage. Was ist Mobbing? Es ist normal, dass Kinder untereinander Konflikte haben und sich streiten. Alltägliche Streitigkeiten können und sollen Kinder un- ter sich ausmachen. Auch ist es normal, dass Kinder miteinander kämpfen und ihre Kräfte messen. Solange alle Beteiligten damit einver- standen sind, sind Rangeleien unproblematisch und kein Anlass, um sich Sorgen zu machen. Auch gelegentliche Hänseleien werden nicht als Mobbing bezeichnet. Selbst lang andau- ernde Auseinandersetzungen sind dann nicht „Mobbing“, wenn alle Beteiligten die Mög- lichkeit haben, ihre Konflikte ohne Hilfe von außen zu beenden. Etwas anderes ist es, wenn ein Kind oder Jugendlicher über einen längeren Zeitraum immer wieder von Klassenkameraden oder Gruppenmitgliedern systematisch erniedrigt und fertig gemacht wird, und wenn das betrof- fene Kind den Feindseligkeiten und Schika- nen ohnmächtig ausgesetzt ist. Die Demüti- gungen können in Form körperlicher Gewalt, aber auch mit psychischen Mitteln geschehen. In solchen Fällen spricht man von „Mob- bing“ (to mob = pöbeln) oder auch von „Bul- lying“ (to bully = einschüchtern). Beim Mob- bing handelt es sich nicht um einen Konflikt zwischen zwei Menschen oder Parteien, son- dern um einseitig ausgeübte Gewalt. Neu ist die Bezeichnung „Mobbing“, nicht aber das Problem. Wahrscheinlich erinnert sich jeder an Situationen in seiner Schulzeit, in denen einzelne Klassenkameraden immer wieder beleidigt, verprügelt oder fertig gemacht wurden. An Mitschüler, die kaum einer mochte und die nie gewählt wurden, wenn im Sport Mannschaftsgruppen gebildet werden sollten. Wie wird gemobbt? Einige Beispiele: 1. Mädchen aus Steffis Klasse sagen ständig schlimme Sachen über ihre Mutter , sie sei eine „fette Kuh“ oder „die geht auf den Strich“. 2. Christina wird andauernd wegen ihrer schicken Sachen verspottet. 3. Sven ist als „Streber“ verschrieen und wird von allen geschnitten. 4. Andreas wird von einer Gruppe Gleichal- triger seit Monaten erpresst und mit Prü- geln bedroht, wenn er nicht regelmäßig Geld abgibt. Gemobbt wird auf ganz verschiedene Art und Weise. Es gibt handgreifliche und seeli- sche Schikanen: Kinder werden verprügelt, geschubst, gekniffen, bespuckt, mit Gegen- ständen beworfen. Man nimmt dem Jugendli- chen das Handy weg, versteckt seine Schul- sachen oder macht was kaputt. Auch bei den seelischen Mißhandlungen gibt es viele Varianten: Beleidigen, hänseln, lästern, lächerlich machen, aus der Gruppe ausschließen, Gerüchte und Lügen verbreiten, Drohungen, systematisches Drangsalieren mit SMS-Botschaften, rassistische Beschimpfun- gen – das sind nur einige der Quälereien, die betroffene Kinder erleiden müssen. Mobbing ist immer eine Form der Gewalt. Meist bleiben die Gewalttätigkeiten unterhalb der Schwelle zur Straftat – allerdings können die psychischen Folgen von seelischen Ver- letzungen manchmal grausamer sein als die einer Körperverletzung. Wie läuft Mobbing ab? Es gibt sicherlich Beispiele, in denen be- wusst und geplant schikaniert wird. In vielen Fällen aber ist das Mobbing keine geplante Aktion. Manchmal entwickelt es sich aus an- fänglich relativ harmlosen Hänseleien. Ein Junge oder ein Mädchen wird ausgeguckt und geärgert, vielleicht weil es anders ist als die Mehrheit der Gruppe. Reagiert das angegriffene Kind so, dass sich der oder die Angreifer stark und überlegen füh- len und greift niemand sonst ein, fahren sie fort und oft noch schlimmer als am Anfang. Eine solche Reaktion des Opfers kann sein, dass das Kind Angst zeigt, dass es weint, das Mobben ignoriert und sich nicht wehrt oder aber auf eine Weise wehrt – sich aufregt, um sich schlägt, sich aggressiv verhält - die dazu bei- trägt, dass sich der Angreifer eher noch stär- ker fühlt. Vielleicht fühlt sich der Mobber un- terlegen und macht weiter, um sich wieder mächtig zu fühlen. Typisch für das Mobben ist die Tatsache, dass das angegriffene Kind in einer bestimm- ten Gruppenkonstellation bzw. -situation un- terlegen ist und sie alleine nicht verändern kann. Für das einzelne Kind ist es ungeheuer schwer, aus einer bestimmten Rolle herauszukommen. DerWechsel von der „Sonnenseite“ auf die „Op- ferseite“ kann oft ganz schnell geschehen. Je länger das Mobben andauert, desto un- möglicher wird es für das betroffene Kind, sich alleine aus seiner Opferrolle zu befreien. Bei vielen Kindern sinkt das Selbstwertgefühl, sie resignieren. Oft geht das Mobbing zunächst von einem Kind aus, andere Kinder schließen sich dem Anführer an, weil sie an seiner mächtigen Po- sition teilhaben wollen. Oder sie sehen zumin- dest zu und sind vielleicht froh, dass es nicht sie selbst getroffen hat. Wenn sie sich gegen den Mobber stellen, befürchten manche, selbst zum Opfer zu werden. Die Gruppe spielt beim Mobbing eine ganz zentrale Rolle: Mobbing funktioniert nur dann, wenn andere wegsehen und nicht helfend ein- greifen. Darum tragen alle in der Gruppe, auch die „Dulder“, ganz erheblich zum Mobbing- geschehen bei. Erschwerend kommt hinzu, dass bei vielen Altersgenossen bzw. Mitschülern und manch- Thema

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