Reader Gewaltp NRW online

91 1/2005 5 mal auch bei Lehrern so etwas wie ein Gewöh- nungsprozeß eintritt: Weil das betroffene Kind schon so lange abfällig behandelt wird, halten alle das für nicht so schlimm, irgendwie nor- mal, nach dem Motto „Das ist halt die natürli- che Hackordnung“, „Es gibt eben starke und schwacheMenschen“. Dass das Kind leidet, wird nicht mehr wahrgenommen, zumindest nicht bewußt. Manche geben dem gemobbten Kind selbst indirekt die Schuld: Wer sich so verhält und behandeln läßt, hat es nicht anders verdient. Wie verbreitet ist Mobbing ? Mobbing hat es schon immer in erhebli- chem Umfang gegeben. Esperten vermuten, dass es wahrscheinlich nicht wesentlich zuge- nommen hat. Mobbing kommt in allen Schich- ten, in allen Altersgruppen und in allen Schul- arten vor, auch in der Grundschule und auch schon im Kindergarten. In einer „Zwangsgrup- pe“ wie der Schulklasse findet Mobbing be- sonders regelmäßig statt, weil der einzelne die Gruppe nicht ohne weiteres verlassen kann. Aufgrund von Schülerbefragungen schätzt man, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Schul- kinder betroffen sind, das heißt im Durch- schnitt gibt es pro Klasse ein bis drei Kinder, die gemobbt werden. Die Häufigkeit schwankt stark von Schule zu Schule, von Klasse zu Klasse. Es wird vermutet, dass nur jede 10. Klasse keinen ausgeprägten Mobbingfall hat. Sowohl die gemobbten Kinder wie auch die Mobber sind Mädchen und Jungen gleicher- maßen. Jungen mobben im allgemeinen offe- ner und sichtbarer als Mädchen – zum Bei- spiel körperlich - und fallen daher eher auf. Bei Mädchen findet man häufiger versteckte, man könnte auch sagen raffiniertere Mobbing- methoden. Gibt es das typische Mobbingopfer? Grundsätzlich kann jede und jeder in die Situation geraten, von einzelnen oder einer Gruppe gemobbt zu werden. Zum Beispiel, weil man bestimmten Gruppennormen nicht entspricht. In einer Klasse mit vielen Lei- stungsverweigerern wird vielleicht ein Kind, das neugierig ist und gerne lernt, zum Streber abgestempelt und fertig gemacht. In einer an- deren Klasse wird ein Kind gehänselt und ver- spottet, weil es schlecht in der Schule ist. Manchmal sind es körperliche Merkmale wie eine helle oder dunkle Haut, eine besondere Haarfarbe oder dass ein Kind anders geklei- det ist als die meisten. Allerdings spielen äu- ßere Merkmale eine viel geringere Rolle als oft angenommen wird und dienen höchstens als Rechtfertigung für die Mobber. Unter Fachleuten herrschte lange Zeit die Meinung, dass Kinder, die ängstlicher, viel- leicht ungeschickter als andere Kinder sind, die besonders still und passiv wirken, oft auch körperlich schwächer sind – das gilt zumin- dest bei den Jungen – eher zum Opfer (ge- macht) werden. Heute gehen viele Experten davon aus, dass nicht die Persönlichkeit, son- dern in erster Linie die Gruppe bzw. die Grup- pensituation darüber entscheidet, ob ein Kind gemobbt wird. Es gibt natürlich Mobbingopfer, deren Selbstvertrauen gering ist und durch das Mob- bing weiter abnimmt. Jedenfalls scheinen Unsicherheit und Ängstlichkeit Signale zu sein, die potentielle Mobber ermutigen, ihr eigenes Selbstwertgefühl auf Kosten von an- deren aufzuwerten oder ihren Frust an ande- ren abzulassen. Schließlich gibt es Kinder, die beides sind: sowohl Opfer wie Peiniger. Den Frust und das Leid, das ihnen zugefügt worden ist, geben sie an „Schwächere“ weiter. Sie schlagen um sich oder demütigen, um sich endlich auch mäch- tig zu fühlen. Woran kann man erkennen, dass ein Kind gemobbt wird? Oft verläuft das Mobbing „still“, unauffäl- lig und ist für Erwachsene nicht einfach fest- zustellen. Darum ist es wichtig, auf mögliche Signale und Veränderungen im Verhalten des Kindes zu achten und nachzuforschen, was ihnen zugrunde liegt. Oft kommt es zu körperliche Reaktionen. Kinder, die täglich feindselig behandelt wer- den, stehen unter einem extremen Dauerstress und das macht krank. Psychisch und auch körperlich. Typische Symptome von Dauer- stress sind Kopf- und Bauchschmerzen, Übel- keit, Schwindelgefühle, Durchfall. Die Kinder simulieren nicht, ihre Angst führt zu körperli- chen Symptomen. AuchAppetitlosigkeit, mas- sive Schlafstörungen, Albträume können Aus- wirkungen sein. Es gibt Kinder, die wieder ins Bett machen. Häufig ändert sich das Sozialverhalten: Das Kind trifft sich nicht mehr mit Gleichaltrigen, verliert sein Interesse an Freizeitbeschäftigun- gen und Hobbies. Ein wichtiges Alarmsignal können Schul- ängste und Schulschwänzen sein. Wird das Kind vor allem auf dem Schulweg schikaniert, kann es sein, dass es nur noch in die Schule gehen will, wenn es gebracht wird, oder es sucht sich einen neuen, oft umständlichen Schulweg. Möglicher weise besucht das Kind zwar regelmäßig die Schule, aber die Schul- leistungen lassen immer mehr, manchmal auch plötzlich, nach. Warnsignale sind psychische Veränderun- gen: Das Kind ist oft traurig, ängstlich und deprimiert. Manche Kinder werden reizbar, haben Wutausbrüche oder zeigen unerwartete Stimmungsschwankungen. Einige werden ag- gressiv, neigen selbst zur Gewalt. Manche werden überempfindlich gegenüber Kritik. Auf körperliche Gewaltanwendung oder Erpressungen könnten folgende Beobachtun- gen hinweisen: Das Kind kommt mit zerrisse- nen Sachen nach Hause, hat Verletzungen, die es nicht plausibel erklären kann. Bücher sind beschädigt oder Schulsachen kommen häufi- ger abhanden. Das Kind verlangt mehr Geld oder stiehlt es. Signale und Symptome wahrzunehmen ist ungeheuer wichtig, man muss aber bedenken, dass einzelne Symptome auch Indizien für ganz andere Probleme sein können. Sie bewei- sen erst mal nicht, dass das Kind gequält wird. Auffälligkeiten müssen aber immer Anlass sein herauszufinden, was der Grund für die Veränderungen ist. Warum Kinder nicht darüber reden? Wenn das Kind sich den Eltern oder einem Lehrer anvertraut und sich Hilfe holt, ist schon viel gewonnen, vorausgesetzt natürlich man glaubt dem Kind. Alleine das darüber sprechen bedeutet eine große Entlastung. Aber genau das tun Kinder meistens nicht. Manche leug- nen sogar vehement, dass sie gemobbt werden. Dafür kann es viele Gründe geben, wie zum aus: Elternbrief, AK Neue Erziehung, Berlin 1. Gewaltphänomene | Mobbing/Cyber-Mobbing

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