Reader Gewaltp NRW online
92 4 2/2010 Thema Melanie Garbas, Waltrop Freie Journalistin, Redakteurin, Fotografin „European Master in Children‘s Rights“ Nur ein paar Klicks und du bist gemobbt Gezielte Aufklärung hilft beim Eindämmen von Mobbing-Attacken „das Problem unter den Nägeln brennt.“ Er begrüße insbesondere die teilnehmenden Schüler des Elsa-Brandström-Gymnasiums Oberhausen: „Euch betrifft das Problem in ganz besonderer Weise“, so Jentsch, „ihr seid die Experten, und wir brauchen eure Mitwir- kung, wenn wir es schaffen wollen, dass Mädchen und Jungen keine Angst haben müssen, Opfer von Mobbing zu werden.“ Während Mitarbeiter in Schulen und in der Kinder- und Jugendarbeit das „direkte Mobbing“ teilweise in den Griff bekommen haben – z.B. mithilfe einer gezielten Ein- führung von Verhaltensregeln, mit Maßnahmen zur Förderung des gegenseitigen Respekts und der Sensibilisierung –, steht die Fachwelt beim Thema Cyber-Mobbing noch vor einem relativ neuen Phänomen: „Wir beobachten und ahnen, dass Mädchen und Jungen im Internet massiv beleidigt, gequält und fertiggemacht werden. Das können wir als Erwachsene nicht zulassen“, so Jentsch, schließlich sei das systematische Fertigmachen u. a. durch die Streuung bösartiger Gerüchte und bloßstel- lender Fotos inWindeseile und mit weltweitem Verbreitungsgrad möglich. Darüber hinaus ist jede Form von Mobbing Gewalt, die schlimme körperliche und seelische Verletzungen zur Folge haben kann. Auch wenn soziale Netzwerke wie Schü- lerVZ bereits moderierte Foren und Gruppen zum Thema Cyber-Mobbing und -bullying vorhalten, um unter den Nutzern das respekt- volle Verhalten zu fördern, wissen die jungen User oftmals nicht, dass es konkrete Hilfs- mechanismen wie Meldefunktionen auf den Profilseiten gibt: „Erst mal haben wir davon nichts gewusst, das kam erst später“, so die Schülerinnen Franziska Brand und Adriana Chojnacka, die im Rahmen der Tagung über ihre eigenen Erfahrungen mit Cyber-Mobbing berichteten. „Man fühlt sich allein gelassen und richtig fertiggemacht. Zwar kennt man das schon, dass Videos und Bilder gemacht und einfach eingestellt werden, aber wenn es ganz schlimm wird, dann braucht man doch sehr lange, bis man sich traut, was zu sagen.“ Heute engagieren sich die Mädchen an ihrer Schule dafür, dass Mitschüler von Mobbing-Attacken im Internet verschont bleiben. Wissenschaft trifft Praxis „Mobbing im Weg 2.0“ lautete der Titel des Vortrags von Dr. Catarina Katzer. Die Wis- senschaftlerin ist Mitglied im Europäischen Netzwerk gegen Cyberbullying 1 und hat eine der ersten repräsentativen Studien zumThema durch- geführt. Während man beim direkten Mobbing – dem phy- sischen (z.B. Prügel, Schlagen), verbalen und psychischen Mob- bing (z.B. Hänseln, Beleidigen, Ausgrenzen) in der Schule, auf dem Schulhof, im Klassenraum und auf dem Schulweg – bereits in der Lage sei, mit angemes- senen präventiven Maßnah- men zu reagieren, stehe man in Sachen „Cyber-Mobbing“ noch einem weitgehend neuen Phänomen gegenüber. Dabei war Cyberbullying bereits 2005 „ein Problem“, berichtet Katzer und bezieht sich auf Ergeb- nisse der Studie „Cyberbullying und sexuelle Viktimisierung von Kindern und Jugendlichen in Internet-Chatrooms“, bei der 1700 Schüler der Klassen 5 bis 11 aus allen Regelschulformen befragt wurden und die das Institut für Wirt- schafts- und Sozialpsychologie der Universität Köln durchgeführt hat: „Hier wurde deutlich, dass sich Formen von verbalem und psychischem Bullying in das Internet verlagern, die bisher nur aus dem physischen Umfeld bekannt waren.“ Laut JIM-Studie 2009 nutzen mittlerweile rund 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren das Internet mehr- mals täglich. „Die neuen Medien eröffnen völlig neue Tatorte für kriminelles Verhalten, Gewalt, Psychoterror und sexuelle Aggres- sion“, so Katzer, „und wir stellen fest, dass gerade die Verbindung der unterschiedlichen Informationstechnologien Aggressionen wie das Bullying bei Kindern und Jugendlichen fördert.“ Die Vernetzung der verschiedenen Technologien, wie das Foto- undVideo-Handy und die Internetkommunikation mit ihrer einfachen Handhabung ließen „Phänomene“ wie Cyberbullying und „Happy Slapping“ 2 entstehen. In kürzester Zeit können die oftmals manipulierten Daten Internetnutzern auf breiter Fläche gezeigt werden. Tatort Handy, Tatort Internet: Chat- room-User nennen sich „Bad Devil“ oder „Krieger15“. „Aggressive Nicknames sollte man imChat grundsätzlich meiden“, so die Cyberbullying-Expertin Dr. Cata- rina Katzer im Rahmen der landesweiten Fachtagung der Landesstelle Kinder- und Jugendschutz (AJS) NRW zum Thema „Was hilft gegen Cyber-Mobbing?“ am 2. Juni im Reinoldinum in Dortmund. Über 300 Interessierte aus den Bereichen Schule, Beratung, Jugendhilfe und Polizei nahmen an der Tagung teil, um Wissens- wertes für die eigene Praxis zu erfahren. Denn: Soziale Netzwerke wie SchülerVZ und Facebook, Chatrooms und Video- plattformen wie YouTube und Clipfish werden immer öfter zu Schauplätzen der Rache, des Spotts, der Diffamierung, der Erpressung und auch des Abwehrens. Die Anonymisierung im World Wide Web ermöglicht jedem, der es will, in Sekundenschnelle virtuell Schikane und Revanche auszuüben. Im Rahmen der Tagung wurde deutlich, dass strafrechtliche und technische Maßnahmen zur Einschränkung von Mobbing-Attacken nur bedingt wirksam sind. Vielmehr müssen gemeinsame Netzwerke zwischen Akteuren aus Schule, Jugendarbeit, Politik und Krimi- nalprävention geschaffen, Aufklärungs- und Präventionskampagnen gemeinsam mit Ju- gendlichen entwickelt und Maßnahmen für eine flächendeckende Medienerziehung initiiert werden – auch um den Nutzen und die Vorteile neuer Medien hervorzuheben. Jürgen Jentsch, Vorsitzender der Arbeitsge- meinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW e.V. (AJS), eröffnete den Fachtag und freute sich über die große Resonanz. Sie zeige, dass 1 Cyberbullying: WiederholtesVerbreiten undVersenden von z. B. beleidigenden Nachrichten, peinlichen Fotos oder Vi- deos sowie das gezielte Einrichten von Cliquen und Subgrup- pen, die im Internet gegen Personen oder Gruppen hetzen. 2 Happy Slapping: Dokumentieren von Gewalttaten per Han- dy mit anschließender Verbreitung der Videos im Internet.
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