Reader Gewaltp NRW online
93 2/2010 5 Nicht jeder Chatter ist ein Netter Die Erhebung aus dem Jahr 2005 zeigt u.a. auf, dass Chatrooms regelmäßig zu Orten werden, in denen Kinder und Jugendliche gestört (44%), beleidigt (39%) oder in einen Streit verwickelt werden (31,7%). Laut Katzer entstehen aber auch „subtilere Formen von Cy- berbullying“ wie das Verbreiten von Gerüchten (17,3%) und Hänseleien (13%), was von den befragten Schülern als „eher leichtes Cyberbul- lying“ eingestuft wurde, bis hin zu massiven Bedrohungen (8,3%) und Erpressungen (4,3%), die als „schweres Cyberbullying“ empfunden werden. Während das „eher leichte Cyberbul- lying“ bereits zur Normalität in Chatrooms geworden ist und als unproblematisch angese- hen wird, fühlen sich rund 15 % der Schüler „sehr verletzt“ und „einer akuten direkten Belastung ausgesetzt“. „Dauerhaft belastet“ fühlen sich rund 20,6% der Opfer. Sie können das Geschehene nicht vergessen. Katzer gab in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass ein als normal empfundenes leichtes Cyberbullying langfristig zu einer Vermittlung von „Gewalt befürwortenden Normen“ führen kann, „die in den Schulalltag der Jugend integriert werden.“ Der hoheVerbreitungsgrad von gesellschaftlich unerwünschten Verhaltensweisen durch das Internet müsse bedacht werden. Opfer und Täter Die repräsentative Untersuchung hat zudem ergeben: Bei der Tätersuche ist ein Zusammen- hang gegeben zwischen direktem Schulbullying und Cyberbullying; so stammen „Täter und Op- fer aus Chatrooms und Schule zu einemGroßteil aus demselben Personenkreis.“ Und Cyberbul- lying wird überwiegend von Jungen bzw. jungen männlichen Erwachsenen ausgeübt. Rund 79% der Jugendlichen, die bereits direktes Mobbing an der Schule ausgeübt haben, wurden auch in Chatrooms durch „Bullyingverhalten“ auffällig. Rund 63% der in der Schule gemobbten Opfer wurden auch zu Opfern von Cyberbullying. „Insbesondere der Zusammenhang zwischen Cyberbullying und Schulbullying sollte bei der Präventionsarbeit bedacht werden“, so Katzer. „Diese sollte nicht ausschließlich im schulischen oder familiären Umfeld an- setzen, sondern das Internet einbeziehen.“ Ebenso könnten Peer-to-Peer-Projekte an Schu- len von Schülern selbst initiiert werden. Eine externe „Online-Opferhilfe“, an die man sich anonym wenden kann, sei erforderlich ebenso wie dieAufforderung an alleAnbieter von Kin- der- und Jugend-Chatrooms und sozialen Netz- werken, Online-Hilfe verpflichtend anzubieten. Erfahrungen aus der Praxis Marco Fileccia, Lehrer und Medienpäda- goge am Elsa-Brandström Gymnasium Ober- hausen, hat das Praxisfeld Schule fest im Blick und betonte die Wichtigkeit der Einführung einer fächerübergreifenden Medienpädagogik. Jugendliche heute, die „Digital Natives 2.0“, „müssen wissen, wie man eine soziale Kom- munikation im Netz führt“ und brauchen Gele- genheiten um sich mit Methoden der Selbstdar- stellung zu beschäftigen. Cyber-Mobbing habe imVergleich zum direkten Mobbing eine ganz andere Intensität. „Die Jugendlichen sind per Handy und Internet 24 Stunden erreichbar“, so Fileccia, „und die Schüler sind heutzutage unglaublich gut vernetzt“. Sie können Nach- richten in Windeseile an ein unüberschaubar großes Publikum versenden. Das Elsa-Brandström Gymnasium in Ober- hausen hat die Thematik Cyber-Mobbing im Rahmen der Schulsozialarbeit ganz gezielt in den Fokus gerückt und Maßnahmen sowohl für die Intervention als auch für die Präven- tion initiiert und auf die Zielgruppen Kinder, Jugendliche, Lehrer und Eltern ausgerichtet. Dazu gehören neben der Medienerziehung z.B. regelmäßige Lehrer-Fortbildungen, Elterna- bende und Maßnahmen für die Elternbildung. „Wir brauchen die Eltern, um Cyber-Mobbing effektiv entgegenwirken zu können“, so Filec- cia. Darüber hinaus informieren und beraten ausgebildete Schüler aus den Klassen 8 und 9 Mitschüler im Rahmen von Peer-to-Peer- Projekten. Die „SchülerVZ-Scouts“ „wissen ganz genau, was man bei SchülerVZ darf oder nicht“, so Fileccia. Zurzeit gehen sie in die 6. Jahrgangsstufe und führen dort eine rund dreistündige Infoveranstaltung durch. Dazu gehört u.a. eine Plakataktion, in deren Rahmen die Schüler dazu aufgefordert wer- den, eine Selbstdarstellung zu entwerfen. Die Bestimmte Risikofaktoren können dazu führen, dass Kinder und Jugendliche in die Opferrolle geraten: zum Beispiel ein negatives Selbstwertgefühl, überbehütende Eltern (Über- protektion), ein dauerhafterAußenseiter-Status, geringe Beliebtheit oder die Neugier, gefähr- liche Orte im Internet aufzusuchen. Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass Opfer zu Tätern werden, „denn gerade die Möglichkeit der Anonymisierung, das Einrichten einer falschen Chat-Indentität als Schutz, gibt Opfern auch die Gelegenheit, um sich zu wehren“, so Katzer. Andererseits könne eine solche „Fake-Identität“ auch dazu dienen, um im Chat über persönliche Probleme zu reden. Nicht ungefährlich, denn ein solches Verhalten kann Täter wiederum provozieren, weil es „Schwäche“ signalisiert. Potenzielle Täter, die „Cyberbullies“, neigen in der Regel zu einer sogenannten „dissozialen Internetnutzung (Prügel-, Rechtsradikalen-, Porno-Chatrooms); sie sind „Gewaltbefür- worter“, neigen zur Straffälligkeit (Diebstahl, Sachbeschädigung) und zeigen häufig ein „schulisches Problemverhalten“. Handlungsempfehlungen für die Praxis „Aufklärung und Prävention werden immer wichtiger“, so Katzer. Es sei vonnöten, dass Vortragsreihen, Trainings für Eltern, Lehrer, Psychologen, Pädagogen, Kriminalbeamte, soziale Einrichtungen, Institutionen und Be- hörden flächendeckend angeboten werden. Natürlich seien zukünftig auch Politik, Justiz und Gesellschaft maßgeblich in der Pflicht, an der Bekämpfung von Gefahren im Internet mitzuwirken. Zudem müsse der Aufklärungs- notstand von Schülern behoben werden und eine Sensibilisierung für Risiken und Ge- fahren im Internet erfolgen, ohne den Nutzen von neuen Medien zu vernachlässigen. Zum Beispiel gingen Schüler oftmals leichtfertig mit persönlichen Daten um, wenn sie ein In- ternetprofil erstellen. ImBereich der Prävention müsstenAngebote für die Erlangung von Medienkompetenz für Ju- gendliche, Eltern und Lehrer ausgebaut werden, denkbar sei auch die Einführung eines „Lehr- fachs Medienerziehung“ sowie der stärkere Einbezug des Internets in den Schulunterricht. 1. Gewaltphänomene | Mobbing/Cyber-Mobbing
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