Reader Gewaltp NRW online
94 6 Thema 2/2010 Plakate werden anschließend am Schulhofzaun aufgehängt, so dass sie jeder ansehen kann. Die Schüler setzen sich dann anschließend gemeinsam mit den Scouts über das öffent- liche Aushängen ihrer persönlichen Daten auseinander und entwickeln in der Diskussion ein Gefühl dafür, „was ok ist und was nicht“, so Fileccia. Rollenspiele und Diskussionen ergänzen das Programm und vertiefen die Reflektion der Schüler. Wirkliche Prävention könne aber nur gelin- gen, wenn Lehrer und Pädagogen dazu in der Lage sind, sich regelmäßig selbstkritisch zu hinterfragen, sozusagen die „Mobbing-Brille“ aufsetzen. Dazu gehöre das „tatsächliche Hin- schauen“, die Wahrnehmungsschärfung für Mobbing-Signale wie z.B. Beschimpfungen, Leistungsabfall und Rückzug. „Es lohnt sich frühzeitig zu intervenieren, indem man Beleidi- gungen und Diskriminierungen unter Schülern grundsätzlich nicht zulässt“, so Fileccia. Lehrer müssten dazu in der Lage sein, Täter mit den eigenen Taten zu konfrontieren, so, dass sie dafür einstehen: „Als Lehrer sind wirVorbilder“, so Fileccia. Er plädierte abschließend für eine “Feedback-Kultur“ an Schulen „und dafür müssen Lehrer kritikfähig sein“, denn Schüler brauchen eine Vertrauensbasis, die es ihnen ermöglicht, im Unterricht und darüber hinaus Kritik zu äußern. Erfahrungen aus dem Praxisfeld Kinder- und Jugendhilfe stellte Dirk Hannusch, Kinder- und Jugendschutzbeauftragter im Jugendamt der Stadt Hagen vor. Er setzt sich im Rahmen des Jugendschutzes gezielt für präventive Maßnah- men gegen Mobbing und Cyber-Mobbing ein. Anders als imBereich Schule sei dieAnsprache und Einbeziehung von Kindern- und Jugend- lichen in offenen Kinder- und Jugendprojekten schwieriger, weil es keine „Pflichtveranstal- tungen“ sind. „Im Rahmen unserer Arbeit haben wir es in der Regel mit Beschimpfungen und Beleidigungen in öffentlichen Foren zu tun, und das überwiegend per Handy“, so Hannusch. „Da wird dann mal eben beim letzten Komasaufen oder auf der Toilette ein Film gedreht und verbreitet.“ Seitdem Smart- phones verfügbar sind, ist die Differenzierung zwischen Internet und Handy aufgehoben. Mit der neuen Technologie können beide Bereiche abgedeckt werden „und wir haben neuerdings auch den Eindruck, dass dabei Facebook eine zunehmend bedeutende Rolle spielt und we- niger SchülerVZ, möglicherweise wegen der internationalen Ausrichtung“, so Hannusch. In der pädagogischen Arbeit brauche man konkreteAnsätze, die u.a. im Rahmen regelmä- ßiger Fachtagungen für Mitarbeiter der offenen Kinder- und Jugendarbeit für den jeweiligen Sozialraum erarbeitet und weiterentwickelt werden können. Ein wichtiger Anspruch sei die Förderung des Recht- und Unrechtbewusstseins sowie dieAufklärung über mögliche rechtliche Folgen. Den Kindern und Jugendlichen sei oftmals nicht klar, dass ein momentaner Spaß im Netz ungeahnte Folgen haben kann. Gute Erfahrungen habe man im Rahmen der Arbeit mit Peer-Groups gemacht. Hier könne eine Sensibilisierung für das Unrechtverhalten auf freundschaftlicher Basis erfolgen. „Die große Stärke der Kinder- und Jugendar- beit ist allerdings dieVermittlung des positiven Nutzens von Medien“, so Hanusch. Den gilt es herauszustellen und zu fördern, anstatt mit Interaktives Präventionstheater Dass präventive Strategien durch- aus kreativ und spaßig sein können, zeigt das pädagogische Konzept der Theaterproduktion Comic On Köln, die in ihrem neu aufgelegten Stück „r@usgemobbt“ die Realität in Sze- ne setzt. „r@usgemobbt“ wurde für Kinder im Alter von 9 bis 12 Jahren entwickelt und thematisiert die miss- bräuchliche Nutzung von Computer und Handy. Nik, 11 Jahre alt, ist neu an der Schule und hat Schwierigkeiten, neue Freunde zu finden. Glücklicherweise hat er „Salokin“ seinen Avatar im Internet, den er selbst erschaffen hat und mit dem er gleich nach der Schule Kontakt aufnimmt. „Salokin“ ist Nik’s Held und macht. Sie nimmt ihn in den Schwitz- kasten, schüttet seinen Schulrucksack aus, erniedrigt, demütigt und beraubt ihn, übt Druck aus und das von Tag zu Tag mehr. Schließlich erpresst sie ihn mit einem Handyvideo, das sie manipulieren und unter dem Stichwort „Heulsuse“ im Internet veröffentlichen will. Außerdem will sie ein falsches Internet-Profil von Nik erstellen, auf das jeder zugrei- fen kann, um dort abzulästern. Nik muss jetzt Geld besorgen, damit das nicht passiert. Weil er dazu nicht in der Lage ist, lässt sich Nik auf einen üblen Deal ein, der sich gegen seine Mitschü- lerin „Natalie“ richtet. Doch dann plagt Nik das schlechte Gewissen... dem erhobenen Zeigefinger auf Kinder und Ju- gendliche zuzugehen. In Hagen und Essen wer- den von Sozialpädagogen Events, Workshops und Projekte durchgeführt, die den positiven Nutzen fest im Blick haben: Dazu gehören z.B. der Internetführerschein sowie die Projekte „Chatiquette“ (Umgangsformen im Chat), „Geocaching“ (Schnitzeljagd mit Computer und GPS) und „clip:2“ (3. Hagener Handy- Film-Festival). „Das wirkt“, weiß Hannusch nach über zwei Jahren Erfahrung mit dieser Projektarbeit. Maßgebliche Voraussetzungen für den Erfolg sei allerdings die Einbindung des Know-how der Jugendlichen sowie eine funktionierende Netzwerkarbeit der Koopera- tionspartner, die kollegiale Beratung und die Durchführung spezieller Fortbildungen sowie die Bereitschaft der Beteiligten sich mit der Fortentwicklung der Technik und von Standards im Umgang mit der Thematik auseinander- zusetzen und entsprechende Handreichungen auszuarbeiten. Melanie Garbas, Waltrop Fotos: AJS Wichtige Adressen im Internet: www.mekonet.de www.klicksafe.de www.medien-dschungel.de www.cyberbullying-germany.de www.jugenschutz.net www.internet-abc.de www.comic-on.de www.chatiquette.de www.geocaching.de www.clip2-filmfestival.de enorm mutig und stark. Eines Tages gerät Nik in die Fänge von „Lizzy“, der Anführerin einer Gang, die ihn zumOpfer ihrer Machenschaften Foto: Comic On! Theaterproduktion Köln
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