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96 4 Thema 4/2012 Cyber-Mobbing – wahrnehmen, bewerten, handeln Fachtagung diskutiert die „digitale Tyrannei“ unter Heranwachsenden Je nach Umfrage geben bis zu ein Drittel der deutschen Heranwachsenden an, selbst Opfer von Cyber-Mobbing gewesen zu sein. Etwa jeder zehnte Jugendliche gibt zu, andere bereits medial tyrannisiert zu haben. Aber auch unter Erwachsenen ist Cyber-Mobbing ein Thema. Von Cyberbulling oder Cyber-Mobbing ist heutzutage die Rede, wenn Belästigungen, Demütigungen oder Bedrohungen mit Hilfe mo- derener Kommunikationsmittel, besonders über Soziale Online- Netzwerke oder Handys, erfol- gen. Während bei den Untersu- chungen anfangs die quantita- tive Ausdehnung des Problems im Vordergrund stand – wer, wie oft, ab welchem Alter –, treten mittlerweile qualitative Aspekte in den Vordergrund: Wie greifen psychische Me- chanismen und mediale Mög- lichkeiten beim Cyberbullying ineinander?Was motiviert Täter (-innen), wie nehmen Betroffene die Diffamierungen wahr und wie reagieren sie darauf? Wann welche Maßnahmen ergreifen? Und mit welchen Methoden? Diese Verschiebung der Dis- kussion um Cyber-Mobbing belegte einmal mehr die Fachta- gung „Cyber-Mobbing – wahrnehmen, bewer- ten, handeln“ am 12. Juni 2012 in Köln. Das Medienkompetenz Netzwerk NRW (mekonet) veranstaltete sie in Kooperation mit derArbeits- gemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) Landesstelle Nordrhein-Westfalen e.V. und dem Landschaftsverband Rheinland (LVR). Etwa ein Drittel der Teilnehmer(-innen) kam aus Schulen bzw. aus der Schulsozialarbeit. Ebenfalls stark vertreten waren Berufskollegs/- schulen, Mitarbeiter(-innen) von Jugendämtern bzw. Städten sowie die Polizei/Kriminalprä- vention. Interesse bestand auch unter Mit- arbeitern von Familienberatungsstellen und Jugendeinrichtungen sowie von Institutionen des Kinder- und Jugendschutzes. Psychologie des Cyber-Mobbings Zum Auftakt der Veranstaltung erläuterte Prof. Dr. Matthias Brand von der Universi- tät Duisburg-Essen in seinem Vortrag „Wie peinlich…aber lustig“ die psychologischen Motive und Auswirkungen des aktiven und passiven Cyber-Mobbings. Grundsätzlich dient Cyber-Mobbing auf Täterseite der Emo- tionsregulation: Eigene negative Emotionen sollen kompensiert, positive Emotionen ver- stärkt werden, etwa indem man vermeintlich lustige Situationen per Foto „verlängert“. Auf der Opferseite wird das ganz unterschiedlich verarbeitet: Die einen gehen damit routiniert um, die anderen aber, die we- niger selbstbewusst und eher emotional instabil sind, fühlen sich massiv persönlich verletzt. Cyber-Mobbing muss daher aus der Opferperspektive definiert werden. Es beginnt dort, wo sich ein Opfer der digitalen Tyrannei eines anderen ausgeliefert fühlt und es zu Psychostress kommt, der wiederum zu körperlichen Symptomen führen kann. Prof. Brand, der Cyber- Mobbing im Rahmen des For- schungsprojekts „Moralische Entscheidungen“ an der Univer- sität Duisburg-Essen untersucht, stellte außerdem die Brisanz eines Phänomens heraus, das für Cyber-Mobbing spezifisch ist: die (vermeintliche) Anonymität im Internet. Auf Täterseite führe diese zu Enthemmung: Men- schen verhalten sich moralisch fragwürdiger, „wenn sie ver- meintlich anonym sind, als wenn sie sozusagen ‚dingfest’ gemacht werden könnten,“ so Brand. Opfer wiederum empfinden es als besonders stressend, wenn sie nicht wissen, an welches Publikum z. B. peinliche Videoclips über sie gelangt sind. (Rechtliche) Konsequenzen Anschließend erläuterte Sebastian Gut- knecht von der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS), wie die einzelnen Facetten von Cyber-Mobbing rechtlich zu bewerten sind. Er machte noch einmal deut- lich: Gegen den Willen bzw. ohne das Wissen des Abgebildeten Bild- oder Videomaterial zu veröffentlichen und es somit dem poten- ziell unbegrenzten Publikum zugänglich zu machen, verstößt bereits gegen das Recht am eigenen Bild, das aus dem Kunsturhebergesetz abgeleitet ist. Dies gelte unabhängig von der Art und Weise, wie der Betroffene dargestellt ist. Beim Cyber-Mobbing kommt aber meist noch mehr dazu: Beschimpfungen, Lügen und Drohungen werden verbreitet. Diese, so betonte Gutknecht, müssen aber hinreichend auf die betroffene Person konkretisiert sein, um gegen die betreffenden Paragraphen des Strafgesetzbuches zu verstoßen. Die Fragen aus dem Publikum zu den recht- lichen Dimensionen des Cyber-Mobbings wur- den oft vor dem Hintergrund konkreter Fälle und Probleme gestellt. Der (rechtliche) Bera- tungs- und Aufklärungsbedarf scheint enorm. Eine Gesprächsrunde unter den Experten des Vormittags sowie mit Dr. Stephanie Pieschl, die sich an der WestfälischenWilhelms Universität Münster mit der medienpsychologischen Seite von Cyber-Mobbing beschäftigt, führte die Ergebnisse des Vormittags zusammen. Gleich- zeitig bildete die Diskussion den Übergang zum Nachmittag, der sich den Konsequenzen wid- mete, die aus den psychologischen Grundlagen und den rechtlichen Rahmenbedingungen von Cyber-Mobbing für die medienpädagogische Praxis gezogen werden müssen. Präventiv ansetzen Nach der Mittagspause präsentierte Zartbit- ter Köln e.V. Ausschnitte aus demTheaterstück „Click It! 2“, das 2011 mit dem klicksafe-Preis für Sicherheit im Internet ausgezeichnet wurde. Wie das Stück in der Präventionsarbeit gegen Cyber-Mobbing eingesetzt werden kann, konnte in der Workshopphase vertieft werden. Mit dem Unterrichtsprogramm „Surf-Fair“ präsentierte Dr. Stephanie Pieschl ebenfalls ei- nen präventivenAnsatz gegen Cyber-Mobbing, der sich an Schüler(-innen) der Klassen 5 bis 7, also Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jah- ren richtet und den sie zusammen mit Torsten Porsch (und anderen) an der Uni Münster ent- wickelt hat. Die Durchführung von „Surf-Fair“ ist nicht auf den „Entwicklerkreis“ beschränkt, das Präventionsprogramm kann ebenfalls von Lehrer(-inne)n und anderen Pädagog(-inn)en ohne besondere Internetkenntnisse durchge- führt werden – auch jenseits des Schulkon- textes. Computer müssen nicht zur Verfügung stehen. Zu „Surf-Fair“ gehört ein Film über einen fiktiven Cyber-Mobbing-Fall, der ohne eine Lösung des Problems endet. Sein offenes Ende bietet den Einstieg in eine Diskussion. Hier können die Heranwachsenden ihre eigene Lebenswirklichkeit in die Geschehnisse des Films einpassen und so „ihre“ Lösung – mehr oder weniger angeleitet – formulieren. Ihre Ressourcen sind ein weiterer Ansatzpunkt. Die Heranwachsenden sollten Interneterfah- rung haben, was aber mit Blick auf die immer Cathrin Bengesser Mekonet /Grimme-Institut Lars Gräßer Mekonet /Grimme-Institut AJS Forum 4_12.indd 4 12.12.12 14:11
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