Reader Gewaltp NRW online
97 5 4/2012 früher einsetzende Mediennutzung fast immer der Fall ist. Als Präventionsprogramm sollte das sprichwörtliche „Kind noch nicht in den Brunnen gefallen sein“, wenn „Surf-Fair“ zum Einsatz kommt, so Pieschl im Workshop. Peer-to-peer-Beratung Marco Fileccia und mehrere Schüler des Elsa-Brändström-Gymnasiums in Oberhausen präsentierten in ihrem Workshop die Medien- scouts NRW, ein Projekt der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). Zwi- schen Januar 2011 und April 2012 wurden 40 Schüler(-innen) unterschiedlicher Schulformen in einer Pilotphase zu Medienscouts ausgebil- det. Aktuell sind fast einhundert Schulen aus zehn Kreisen an dem Projekt beteiligt. In Oberhausen leisten die Medienscouts sowohl Aufklärung als auch Hilfe bei Cyber- Mobbing. Sie können mitreden, wenn es um SchülerVZ, Facebook und Co. geht, besser als Lehrer(-innen). Aber genauso können sie ihren Mitschüler(-innen) vermitteln, wie man im Internet miteinander umgehen sollte. Damit ist das Projekt ein Beispiel für „peer to peer educa- tion“ in der Medienbildung. Als Medienscouts „der ersten Stunde“ stellten Marco Fileccia und seine Schüler(-innen) im Workshop den Ansatz des Projekts, seine Vor- und Nachteile sowie dieAusbildung und dieArbeit der Medi- enscouts an ihrer Schule vor. Deutlich wurde: Der „peer-to-peer“ Ansatz genießt eine hohe Akzeptanz in den Schulen, Überzeugungsar- beit bei Schulleitung und Eltern müsse kaum geleistet werden, so Fileccia. Wichtiger sei: Die Medienscouts müssen von den Schüler(-inne)n akzeptiert und nicht als „Cyber-Cops“, also als Petzen oder verlängerter Arm der Lehrerschaft, gesehen werden. Im Elsa-Brändström-Gymnasium durchlau- fen die Medienscouts ihre (Zusatz-)Ausbildung in der achten Klasse, so dass sie als Neunt- und Zehntklässler mit jüngeren Schüler(-inne)n arbeiten können. Danach geben sie ihre Kennt- nisse an die nächste Generation von Mediens- couts weiter. Zentral ist hierbei die gemeinsame Ausbildung von Schüler(-inn)n und Pädagog(- inn)en über die Schulformen hinweg. Themen der Ausbildung sind: Internet und Sicherheit, Handy, Computerspiele und So- cial Communities – in diesen Bereich fällt auch das Thema Cyber-Mobbing. Zusätzlich zur Vermittlung von Medi- enkompetenz in diesen Be- reichen werden die Scouts in ihrer Kommunikations- fähigkeit, ihrer Beratungs- kompetenz sowie in ihrer emotionalen und sozialen Kompetenz geschult. Damit werden sie vorbereitet, mit Schüler(-inne)n und auch Erwachsenen zu arbeiten. Dass solche neuen Ansätze im Umgang mit Cyber-Mobbing an Schulen nötig sind, zeigte der Fall einer Schülerin, die an das Elsa- Brändström-Gymnasium wechselte, nachdem sie an ihrer Schule über Jahre hinweg direkt und über das Internet gemobbt wurde. Besonders das Unverständnis der Lehrer(-innen) für ihre Situation und unzureichende Interventions- methoden in der Klasse verschlimmerten ihre Situation, wie sie im Workshop berichtete. Betroffene beraten und Hilfe geben Verständnis für die Opfer von Cyber-Mob- bing aufbringen, ihnen zuhören und ihnen wei- ter helfen sind Aufgaben der Helpline „Safer Internet“ vomVerein Nummer gegen Kummer e.V. Ihr Konzept und ihre Erfahrungen mit der Beratung von Betroffenen stellten die Referen- tinnen Rebecca Maier und MaikeWorkowski in einem eigenen Workshop vor. Mit ihnen übten sich die Teilnehmenden anhand von Fallbei- spielen in der Telefon- und E-Mail-Beratung von Kindern, Jugendlichen und Eltern. Die wichtigsten Ratschläge: Zuhören und seelische Entlastung geben, nur so findet man heraus, was die Ratsuchenden wollen und wie groß das Problem tatsächlich ist. Sie sind Teil der Lösung, nicht nur des Problems, und sollten mit ihren Kompetenzen einbezogen werden. Wichtig ist, in der Beratung auch das soziale Umfeld anzusprechen (Lehrer, Eltern, Freunde etc.) und mögliche Hilfesysteme (Schulsozialarbeiter, Kooperationen von Schule und Polizei) zu benennen. Rechtliche Schritte gilt es zu prüfen, etwa die Einschaltung eines Anwalts, eine Unterlassungs- klage etc. Hierfür essentiell sind das Sichern von Beweisen und das Melden von Mobbing- fällen bei den Providern oder den Beschwerdestellen. Wie das geht, erklärt z. B. die „Nummer gegen Kummer“. Allen Beteiligten sollte dabei klar sein, welche Konsequenzen die Kriseninterventionskette (Einschal- tung von Polizei und Staatsanwalt- schaft) hat, sobald sie einmal ange- laufen ist. Bei akuten Gefährdungssituationen, z. B. bei Morddrohungen, hilft (hingegen) nur ein „massiver Schuss vor den Bug“, wie es ein Teilnehmer ausdrückte. Es gilt, Stellung zu be- ziehen und dem Opfer aktiv beizustehen, etwa die Kommentarfunktion von Blogs und Video- kanälen zu nutzen und zu schreiben, dass man die Angriffe nicht richtig findet und melden wird, d. h. eine Öffentlichkeit zu schaffen, die nicht mehr der Kontrolle des/der Täter(s) allein unterliegt. Die Moderation zwischen Täter und Opfer hängt immer vom Einzelfall ab und ist, ebenso wie die Kontaktaufnahme der Eltern von Tätern und Opfern untereinander, heikel, weil die Situation noch weiter eskalieren kann. Lessons learned? Kaum ein Kind, das Cyber-Mobbing nicht zumindest aus dem Bekanntenkreis kennt – das bedeutet (auch), dass kaum ein Lehrer, Medi- enpädagoge oder Jugendschützer an der „digi- talen Tyrannei“ vorbei kommt. Es besteht ein enormer Informationsbedarf zum Thema, vor allem zu den Möglichkeiten, Cyber-Mobbing wirkungsvoll zu begegnen. Beim Erkennen des Problems hilft der Blick aus der Opferperspektive, der die individuelle Wahrnehmung des Betroffenen sowie die me- dialen Besonderheiten des Cyber-Mobbings berücksichtigt. Rechtlich kann „digitalen Tyrannen“ begegnet werden – lösen lässt sich das Problem auf diesemWege aber nicht. Dieses kann sowohl bei Tätern als auch Opfern tiefer liegen als es der konkrete Fall vermuten lässt. Juristische Interventionen kommen daher nicht ohne begleitende Beratung aus. Präventiv an- setzen kann man, indem man die Empathie und Medienkompetenz von Schüler(-inne)n stärkt: Gezielte Unterrichtsprojekte und peer-to-peer Ansätze versprechen hier Erfolge. Was medien- kompetentes Handeln in diesemZusammenhang bedeutet, entwickelt sich erst gerade, ebenso wie ein Methodenrepertoire für die Pädagogik und den Jugendschutz. Die gute Nachricht (zum Schluss): Immerhin gibt es Methoden, Pro- jekte und Einrichtungen, die diese vermitteln. Cathrin Bengesser und Lars Gräßer Mehr zum Thema „Cyber-Mobbing“ bei mekonet Die Fachtagung „Cyber-Mobbing - wahrnehmen, bewerten, handeln“ ist online dokumentiert: www.mekonet.de/fachtagung2012. In der Reihe mekonet kompakt ist begleitend die Ausgabe „Cyber- Mobbing auf einen Blick“ erschienen. Sie skizziert die Erscheinungsformen von Mobbing im Netz, stellt aktuelle Forschungsergebnisse vor, klärt über rechtliche Dimensionen auf und gibt praktische Tipps, Cyber-Mobbing zu begegnen. Sie kann unter www.mekonet.de/kompakt als PDF abgerufen oder bestellt werden. Informationen für Eltern und Fachkräfte Cyber- Mobbing DREI-W-VERLAG AJS Forum 4_12.indd 5 12.12.12 14:11 1. Gewaltphänomene | Mobbing/Cyber-Mobbing
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