Reader Gewaltp NRW online

98 4/2012 Thema Forschungsbedarf zum Thema Cyber-Mobbing Aktuelle Studien auf dem Prüfstand davon ein Smartphone, was eine Zunahme von elf Prozent zum Jahr 2010 bedeutet. Auch der PC gehört zum Standardinventar in deutschen Haushalten und ist somit den meisten Jugend- lichen zugänglich. 89 Prozent der Jugendlichen haben einen Internetanschluss zu Hause. Mit zunehmendemAlter verbringen Kinder und Jugendliche deutlich mehr Zeit im Internet. Mit Hilfe dieser Online-Medien pflegen sie ihre sozialen Kontakte. Und hier kann es zu Konflikten kom- men, die mitunter bis hin zum Cyber-Mobbing gehen. Versöhnung im Gespräch Nach der Studie „Wo der Spaß aufhört…“ der bayrischen Landeszentrale für Medien und des Instituts für Medienpäda- gogik in Forschung und Praxis (JFF) erleben Jugendliche die meisten Online-Konflikte mit „Freunden von Freunden“. Jeder dritte Ju- gendliche imAlter von zwölf bis 19 Jahren hat schon unangenehme Erfahrungen im Internet, per Mail, Instant-Messenger oder Chatroom gemacht. Die Jugendlichen selbst betonen, dass sie die Konflikte selbst lösen wollen. Das Einmischen von Erwachsenen wird meist sehr kritisch bewertet. Eskalierende Formen werden stark abgelehnt (Ausgrenzung, Bloß- stellung, Einschüchterung und Provokation) und eher lösungsorientierte Wege bevorzugt. Die Jugendlichen versuchen, den Konflikt zeitnah zu lösen und den Betreffenden auf sein Fehlverhalten anzusprechen, und sie suchen die Versöhnung im direkten Gespräch. Weiterhin vertreten Jugendliche die Meinung, dass man den Betroffenen aktiv zur Seite stehen muss. Im Gegensatz zu dieser sozialenAussage steht allerdings: 55 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig beobachtet zu haben, dass Dritte nichts unternehmen. Laut Studie der Technischen Universität Berlin „Bystander von Cyber-Mobbing“ gaben 73 Prozent der Befragten an, in der letzten Zeit Cyber-Mobbing als Bystander (bzw. Beobach- ter) mitbekommen zu haben. Viele haben die Sorge, durch aktives Eingreifen selbst zum Opfer zu werden. Somit darf die Nichteinmi- schung nicht zwangsweise als Desinteresse am Wohlergehen des Opfers interpretiert werden. In manchen Fällen steckt auch eine positive Absicht hinter diesem Verhalten, nämlich der Versuch, demTäter durch Nichtbeachtung den Spaß am Mobben zu nehmen. Die Zepf-Studie bezüglich Mobbing bei Schülerinnen und Schülern in der Bundesre- publik Deutschland fand heraus, dass hinter Cyber-Mobbing-Attacken zu 54 Prozent Mitschüler, zu 22 Prozent jemand anders, zu 13 Prozent ein Freund und zu elf Prozent Internetbekanntschaften stecken. Die Studien geben zusammenfassend folgende Formen des Cyber-Mobbing an: Beleidigung, Beschimpfung, Belästigung, Anschwärzen, Gerüchte verbreiten, Auftre- ten unter falscher Identität, Bloßstellung, Betrügerei, Ausgrenzung, Cyberthreats und Cyberstalking. Psychische und physische Folgen Die Folgen des Cyber-Mobbing sind so individuell wie die Opfer selbst. Die Forsa- Umfrage der Techniker Krankenkasse zum Thema Cyber-Mobbing ergab, dass 70 Prozent Wut empfanden, 24 Prozent Verzweiflung und 22 Prozent Hilflosigkeit. 17 Prozent lit- ten unter Schlafstörungen, 20 Prozent unter Kopfschmerzen und acht Prozent unter Bauch- schmerzen. Erkennbar ist, dass Cyber-Mobbing Folgen für die meisten Opfer hat und insbe- sondere, dass sich diese nicht nur psychisch, sondern auch physisch äußern können. In der europaweiten Studie „Risks and safety on the internet - The perspective of European children“ der LSE berichteten fünf Prozent der Befragten, sie seien im Internet gemobbt worden, drei Prozent gaben das Handy an. Das Problem Mobbing und Cyber-Mobbing tritt im europäischen Vergleich prozentual am häufigsten in Estland und Rumänien mit über 40 Prozent auf. Am wenigsten wurde das Pro- blem in Südeuropa (Portugal, Italien, Türkei und Griechenland) festgestellt. Deutschland befindet sich auf Platz 18 von 23 Ländern. Das Problemfeld Cyber-Mobbing ist als mögliches Gefahrenpotenzial erkannt und in der Gesellschaft angekommen. Aktuelle Studi- en geben allerdings kein einheitliches und kein klares Abbild der Situation. Die Ergebnisse legen eine Erkenntnis nahe: Es besteht noch großer Forschungsbedarf. So ist es etwa kaum möglich, die einzelnen Studien direkt mitei- nander zu vergleichen, da jede Studie andere Definitionen von Cyber-Mobbing nutzt oder erst gar keine angibt. Lediglich die Abgrenzung zu herkömmlichem Mobbing scheint eindeutig zu sein. Die entscheidenden Un- terschiede ergeben sich aus den technischen Besonderheiten von Handys und Computern, namentlich der Möglichkeit der Anonymität und der Orts- und Zeitunabhängigkeit. Die Definitionen von Cyber- Mobbing reichen vom individuellen Verständ- nis des Kindes, wann Cyber-Mobbing beginnt, bis hin zur strengen Vorgabe, dass erst dann davon gesprochen werden kann, wenn Macht- gefälle und Intention der Schädigung vorherr- schen, das schädigende Verhalten sich zwei bis dreimal wiederholt und das Opfer nur eine geringe Möglichkeit hat sich zu wehren. Aber auch diese Begrifflichkeiten, wie z.B. Macht- gefälle, lassen noch einen großen Spielraum und sind nicht klar definiert. Der Appell an zukünftige Studien müsste lauten, sich auf eine Definition zu einigen und diese so genau wie möglich zu spezifizieren. Generalisierungen und Sammelbegriffe sind hier nicht hilfreich. Die JIM-Studie 2011 zeigt, dass 96 Prozent der Jugendlichen ein Handy besit- zen und sogar jeder vierte Kristina Schardt Praktikantin bei der AJS Studentin der Erziehungswissenschaft Universität Köln AJS Forum 4_12.indd 6 12.12.12 14:11

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